Zur Hauptnavigation springen Zum Inhalt springen

Die Aufnahme zeigt Johanna Kaesler-Jestädt aus der Gemeinde Künzell (links) 1948 mit ihren beiden Geschwistern, die Kleider aus Fallschirmseide tragen. Den Stoff aus der Fuldaer Textilfabrik Mehler hat ihre Mutter, eine gelernte Schneiderin, nach Kriegsende im Tauschhandel erworben und umgenäht. Die Familie besitzt eine Bäckerei im Harbacher Weg in Künzell.

Im Vergleich zu anderen größeren Städten wie Kassel, Darmstadt und Frankfurt, ist Fulda während des Zweiten Weltkrieges zu etwa einem Drittel zerstört worden. Wenngleich die Luftangriffe der alliierten Streitkräfte nicht zu einer großflächigen Zerstörung der Gebäude führten, blieben von 3.248 Häusern in Fulda nur etwas mehr als 1.744 Häuser (53,7%) unbeschädigt und damit weiter bewohnbar. Die Infrastruktur war weitestgehend zusammengebrochen. Nach dem Verwaltungsbericht der Stadt Fulda für das Haushaltsjahr 1946 lagen rund 200.000 Kubikmeter Trümmer und Schutt in der Stadt, die beseitigt werden mussten.

Trümmer, Zerstörung, Wiederaufbau

In den letzten drei Kriegsmonaten war der Schulbetrieb komplett zusammengebrochen. Die Schulgebäude wurden durch die Bombeneinschläge und Plünderungen nicht komplett zerstört, jedoch war eine sofortige Nutzung undenkbar. Nach umfangreichen Räumungs- und Reparaturarbeiten, an denen sich die Lehrkräfte, Eltern und Schüler beteiligten, konnte der Betrieb in den Schulgebäuden erst allmählich wiederaufgenommen werden.

Zwangsbewirtschaftung und Mangelernährung

Bereits 1939 wurde die Zwangsbewirtschaftung der Lebensmittel eingeführt. Auf den Lebensmittelmarken war die Menge an Brot, Fleisch, Fett, Zucker oder Seife für den Kauf in den Läden sowie die Adresse der Begünstigten angegeben.

Werdegang

Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte Hosemann eine Lehre als Buchbinderin und übte diese Tätigkeit bis zur Geburt ihres Sohnes im Jahr 1925 aus. Danach war sie zeitweise als Hausmeisterin tätig und arbeitete zwischen 1930 und 1935 zeitweise als Verkäuferin im Lebensmittelgeschäft Konsum.

Im Jahr 1913 trat Hosemann im Alter von 19 Jahren der SPD bei und wurde 1932 in Berlin-Lichtenberg zur Bezirksverordneten gewählt. Sie war im SPD-Vorstand sowie in der Jugend- und Wohlfahrtsarbeit tätig. 1919 wurde sie Mitglied der Arbeiterwohlfahrt und wirkte in der Weimarer Republik am Aufbau der Organisation in Berlin mit.  

Sie heiratete 1920 den Kartolithographen Franz Hosemann, der ebenfalls SPD-Mitglied war. Bis 1933 war ihr Ehemann in der kulturellen Gewerkschaftsarbeit aktiv. Auch Erna Hosemann musste in diesem Jahr sämtliche Ämter niederlegen. Die AWO wurde von den Nationalsozialisten verboten.

Das Auffang- und Durchgangslager

Im Dezember 1945 errichtete die Stadt Fulda ein Durchgangslager für die Vertriebenen der organisierten Transporte. Von dort aus sollten die Heimatvertriebenen in die ländlichen Gebiete in Nord- und Osthessen gebracht werden.

Das Lager befand sich in der ehemaligen Fabrik Wahler in der Rabanusstraße. Es konnten rund 1.000 Menschen für eine Nacht untergebracht und verpflegt werden. Insgesamt erhielten dort 51.818 Personen ein Nachtquartier und Verpflegung.

In der Turnhalle in der Rabanusstraße, hinter dem heutigen Sparkassengebäude, war die städtische Desinfektionsanstalt untergebracht, in der die Heimatvertriebenen nach ihrer Ankunft zunächst „entlaust“ wurden. Nach der Erstversorgung im Durchgangslager wurden die Vertriebenen auf die Gemeinden im Landkreis Fulda verteilt.

Die Entnazifizierung von Fridolin Zint

Fridolin Zint wurde 1907 in Oberdresselndorf geboren. Dort besuchte er von 1913 bis 1921 die evangelische Volksschule und anschließend bis 1926 die Wiesenbauschule in Siegen. Ab 1936 war er als Kulturbautechniker bis zu seiner Einberufung in die Wehrmacht beim Wasserwirtschaftsamt in Fulda angestellt.

1933 bis 1934 trat er kurzzeitig der SA bei und war ab Mai 1937 NSDAP-Mitglied. Im Juli 1945 kehrte Fridolin Zint aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück. Da er ein ehemaliges Mitglied der NSDAP war, wurde er vom Arbeitsamt Fulda auf Betreiben der Amerikaner am 24. November 1945 aus dem Beamtenverhältnis entlassen. Das Arbeitsamt verpflichtete ihn als Hilfsarbeiter für das Stadtbauamt Fulda.

Stadtführung

Seit Juni 2021 hat Martha Rathmann insgesamt 14 Führungen mit jeweils 12 bis 15 Teilnehmenden angeboten. Sie erzählt, dass viele Heimatvertriebene an der Führung teilgenommen haben, die noch einmal ihren Weg nachgehen wollten. Es seien aber auch sehr viele junge Menschen, sozusagen die Enkelgeneration, dabei gewesen, die sich für die Geschichte der Großeltern interessierten und der Frage nachgingen: „Wie ist es meinen Großeltern ergangen?“.

Der Treffpunkt für die Führung war der Bahnhofsvorplatz, wo Martha Rathmann den Teilnehmenden einen Einblick in die Gründe für die Vertreibung gibt. Dies sei ein guter Treffpunkt, um die historischen Ereignisse im Vorfeld zu schildern. Den weiteren roten Faden der Führung stellen die einzelnen Stationen dar, welche die Heimatvertriebenen nach der Ankunft am Fuldaer Bahnhof durchliefen.

Vom Oberlicht zum Museumsobjekt

Als Fridolin Zint (1907-1985), Ingenieur beim Wasserwirtschaftsamt Fulda, aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, war seine Wohnung von den Besatzern beschlagnahmt. Zint lebte mit seiner Familie in einer zugewiesenen Wohnung im Stift Wallenstein (Palais Buseck) am Bonifatiusplatz. Dort reparierte er vieles. Kurzzeitig war er Ende 1945 auch für das Stadtbauamt Fulda tätig und leistete zahlreiche Instandsetzungs- und Wiederaufbauarbeiten. Aus Glasresten und Holzleisten setzte er Fensterscheiben zusammen.

Ein Oberlichtfenster aus dieser Zeit ist im rechten Treppenhaus-Anbau des Palais Buseck über dem Eingang einer früheren Gärtnertoilette erhalten geblieben. In Vorbereitung der Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam“ und als Objekt für die Sammlung des Vonderau Museums wurde es dort schließlich im Frühjahr 2021 durch das städtische Gebäudemanagement und die Tischlerei Wehner nach den Vorgaben des Denkmalschutzes ausgebaut.

 

Joachim Zint erzählt

Der Sohn von Fridolin Zint, Joachim Zint (*1937), hatte sich im Rahmen des Aufrufs für das Projekt „Fulda erzählt“ im Juli 2020 als Zeitzeuge gemeldet und dem Museum auch von der Entstehung des Fensters berichtet:

 „[…] wir wurden vom Wohnungsamt in das Stift Wallenstein, Bonifatiusplatz 4, eingewiesen. Mein Vater wurde dort bald eine Art „Hausmeister“, dessen Fähigkeiten die Stiftsdamen überall einsetzten: Klingelleitungen legen, Briefkästen basteln und einbauen usw. Vor allem galt es die vielen Fensterscheiben zu ersetzen. Aber woher das knappe Glas nehmen? Mein Vater verstand es, jeden Glasrest in kleine Quadrate zu schneiden und mittels Holzleisten zu Fensterscheiben zusammenzusetzen. So hat er 1945 viele Fenster aus Glasresten ‚gebastelt‘. […] Die meisten dieser Fenster sind in den Nachkriegsjahren bald verschwunden, als es wieder genug Glas gab.“

Lizenz zur Herausgabe der Fuldaer Volkszeitung

[1]

Am Palmsonntag 1945 war für mich der Krieg
zu Ende. Zuvor war ich in Frankfurt/M. Im März
1944 total ausgebombt. Anfang März hatten
meine Eltern Silberne Hochzeit, mein Vater 25 Jahre
Dienstjubiläum. Am 27. wurde ich 20 Jahre.
Dann kam ein großer Luftangriff und das Haus
brannte bis zum Boden nieder. Es war Abend
und meine Mutter und ich wollten sehen, wann ein
Zug abfahren würde. Da knallte eine Nachbarhaus-
wand hinter uns auf die Straße. Wir mussten die Nacht
in der Anlage vor dem Polizeipräsidium verbringen.
Am Morgen danach bewegten wir uns in Richtung
Sachsenhausen zu meiner Tante. Dort ging es bei
weiteren Angriffen in einen Bunker rein und raus.
Im Bunker herrschten schreckliche Zustände. Nach
3 Tagen war der Bahnbetrieb wiederhergestellt und
wir konnten nach Fulda fahren. Da hatten meine
Eltern ein Häuschen am Wallweg. Da es vermietet
war, hatte wir nur einen Raum, in dem wir abends die
Matratzen auf dem Boden ausbreiteten.
Ich war Fernschreiberin in der Reichsbahndeputation.
Weil das im Rahmen einer Dienstverpflichtung war,
musste ich noch einige Monate zwischen Fulda und
Frankfurt pendeln, bis ich zur Standort-Gebühren-
stelle weiter verpflichtet war. In Gruppen
errechneten wir dort in der Ludendorff-Kaserne
den Sold der Soldaten. Im September 44 kam dann
der erste Angriff auf Fulda. Wir waren im Keller des

Erinnerungen an die Schulzeit

In dem Schuljahr 1946/47 hatte ich in beiden Halbjahreszeugnissen nur Einser und Zweier, sodass der Lehrer […] meiner Mutter zu einem Wechsel auf eine höhere Schule in Fulda riet. Das war allerdings eigentlich eine fast aussichtslose Sache: Der Postbusverkehr [von Hainzell] beschränkte sich auf eine Hin- und Rückfahrt vormittags und nachmittags, nicht passend, als Alternative gab es einen Firmenlastwagen einer Baufirma, der früh um 6.00 Uhr nach Fulda und abends um 17.30 zurückfuhr, außer von den Firmenarbeitern nur von einem weiteren Schüler genutzt wurde. Überdies kamen zu den Fahrtkosten noch das damalige monatliche Schulgeld, es gab selten Hefte und Schreibmaterial zu kaufen, von einer Tagesverpflegung einmal ganz abgesehen! […]

Ich kann es meiner alleinerziehenden Mutter im Leben gar nicht genug danken, dass sie allen Bedenken zu Trotz mich sofort anmeldete, es wird schon irgendwie gehen […], getreu ihrem Motto: Ein Mann muss eine gute Schulbildung bekommen, um später einen guten Berufsstart zu haben, um eine Familie ernähren zu können!

Ich kam nach einem Eignungstest sofort in die Quinta des Realgymnasiums. Die Schule war selbst noch im Aufbau, es fehlte an Lehrmitteln und Räumen, was gut ausgeglichen wurde durch erstklassige Pädagogen und auch einer gewissen Aufbruchsstimmung. Ich weiß nicht, ob das allgemein so war, aber meine aus allen sozialen Schichten zusammengewürfelte Klasse bildete bald eine verschworene Einheit, geführt von einer verständnisvollen, ledigen, älteren Studienrätin, die wir selten in Zorn geraten sahen, allerdings gaben wir ihr dazu auch kaum Anlass! Ein Wort von ihr im Englischunterricht ist mir stolz in Erinnerung geblieben: „He is the last, but not the least“ gebrauchte sie in Bezug auf mich als Erklärung des Ausdrucks. Wir kamen mit unseren Lehrern allgemein gut aus und hatten als Klasse daher einen guten Ruf, was nicht ausschloss, dass es manchmal, wie damals auch am Gymnasium üblich, Ohrfeigen setzte. […]

Zur Person

Erwin Jacobs, 1936 in Fulda geboren, wuchs in Hutten bei Schlüchtern auf. Sein Vater war dort seit 1932 Lehrer und 1944 als Soldat in den Vogesen gefallen. Im Februar 1946 zog er zusammen mit seiner Mutter und Schwester in das Haus der Tante in Fulda. Schon als Kind ist er musikbegeistert und besuchte als Jugendlicher Konzerte im Amerikahaus. Jacobs ging auf das Städtische Realgymnasium, was er 1965 mit dem Abitur beendete. Anschließend studierte er Jura in Frankfurt am Main und Marburg und wurde Verwaltungsjurist im Regierungspräsidium in Darmstadt. Unter anderem war er für Entschädigungen der Verfolgten des NS-Regimes zuständig. Von 1974 bis 1999 war Erwin Jacobs Kanzler der Fachhochschule in Fulda. Bis heute gehört er dem Verein „Freunde des Museums Fulda e.V.“ an.

Anfänge

Bereits 1919 war Hosemann bei der Gründung der AWO durch die Sozialpolitikerin Marie Juchacz in Berlin beteiligt. Der Anlass an Gründung der Wohlfahrtsorganisation nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellte die Versorgung von Flüchtlingen, zurückkehrenden Kriegsteilnehmern sowie Kindern und Jugendlichen dar, die ihre Familien verloren hatten. In den Anfängen betrieb die AWO Näh- und Kleiderstuben. Aufgrund der schlechten Versorgungslage richtete die amerikanische Militärregierung Schulspeisungen ein, welche an der Heinrich-von-Bibra-Schule (heute Vonderau Museum) auch die AWO übernahm.

Jubiläumsaktionen

2021 feiert der AWO Kreisverband Fulda sein 75-jähriges Jubiläum und hat verschiedene Aktivitäten umgesetzt. Auf der Seite der Fuldaer AWO erfahren Sie mehr über deren Tätigkeiten und Geschichte. Eine Geocaching-Tour führt an unterschiedliche Orte der Innenstadt und gibt spannende Einblicke die 75-jährige Geschichte der AWO in Fulda. Alle Informationen sind auf der Homepage abrufbar. Eine der zehn Stationen führt auch zum Vonderau Museum.

Zeitzeugenberichte

Zudem wurden persönliche Berichte von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen veröffentlicht. Zum Beispiel teilt Ilse Hosemann, die Schwiegertochter von Erna Hosemann, ihre Erinnerungen an ihre Schwiegermutter und die Anfangsjahre der AWO in Fulda. Anni Erb erzählt aus der Zeit der Nähstube und Suppenküche.

Neben diesen Erinnerungen gibt es außerdem einen Beitrag über die Einweihung der „Blauen Bank“ für Erna Hosemann (1894-1974) im Schlossgarten durch den Soroptimist International (SI) Club Fulda im Juli 2021.

Verwendete Literatur:

  • AWO Kreisverband Fulda e.V.: 75 Jahre alt, aber voller Dynamik: Die AWO in Fulda. URL: https://awo-fulda.de/75-jahre/ (Stand: 05.11.2021).
  • Bohl, Susanne: „Arbeiterwohlfahrt (AWO) Kreisverband Fulda e.V.“, in: Fuldaer Geschichtsverein e.V. (Hg.): Fulda – Das Stadtlexikon, Fulda 2019, S. 25.

2021 jährte sich auch die Aufnahme der Heimatvertriebenen zum 75. Mal. Millionen Deutsche haben nach dem Krieg ihre Heimat verloren und die Erfahrung von Flucht und Vertreibung gemacht. Allein im Jahr 1946 kamen rund 400.000 Heimatvertriebene nach Hessen, die besonders in den ländlichen Regionen aufgenommen wurden. Diesem Kapitel widmete die Ausstellung auch einen eigenen Themenbereich. Im Rahmen des Zeitzeugenprojekts „Fulda erzählt“ ist die Lesung des neuen Buches von Helmut Kopetzky zustande gekommen der einen ganz persönlichen Blick auf die Nachkriegszeit wirft.

Im Haus der Familie lebt auch Tante Luise, die während des Zweiten Weltkrieges bei der Firma Mehler dienstverpflichtet ist. In dieser Zeit näht sie aus alten Mehlsäcken der Bäckerei und Garn der Firma Mehler eine Decke, die sie mit Zwiebelschalen einfärbt. Bis zur Rückkehr ihres Mannes aus russischer Kriegsgefangenschaft Ende der 1940er Jahre wird die Decke als Überwurf auf dem Chaiselongue der Familie verwendet.

Fulda war mit ungefähr 1.600 Luftkriegstoten gemessen an der Bevölkerungszahl eine der am schwersten getroffenen Städte in Deutschland. Insbesondere drei Angriffe am 11./12.9. (Gemüsemarkt) und am 27.12.1944 (Krätzbachbunker) hatten viele Menschleben gekostet. Da Fulda im Vergleich zu den anderen hessischen Städten weniger Schäden verzeichnete, gelangten überproportional viele Vertriebene, Flüchtlinge und Displaced Persons in die Stadt.

In den ersten Nachkriegsjahren blieb das zentrale Problem neben dem Wiederaufbau und der Wohnungsnot der Hunger und die schwierige Versorgungslage. Die Bevölkerung in Fulda litt, wie auch andernorts, unter dem Mangel an Lebensmitteln und Brennstoffen wie Kohle, Holz und Gas. Erst mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 und der Umstellung von Reichsmark, Rentenmark und alliierter Militärmark auf die neue D-Mark verbesserte sich mit der wirtschaftlichen Situation auch die Lebensmittelversorgung.

Die Rolle der amerikanischen Militärregierung

Nach der Einnahme Fuldas am 1. April 1945 durch die US-Truppen blieben die Schulen zunächst geschlossen. Die von der amerikanischen Militärregierung stark vorangetriebene Entnazifizierung und die damit einhergehenden Säuberungsmaßnahmen betrafen auch die Schulen, da das Schulwesen die Basis für die neue Demokratie bilden sollte. Zahlreiche ehemalige Lehrer waren Mitglieder in der NSDAP und mussten entnazifiziert werden, sodass sie aus dem Beruf ausschieden. Laut des Verwaltungsberichtes der Stadt Fulda von 1946 blieben bspw. in der Heinrich-von-Bibra-Schule nur noch neun von ursprünglich 17 Lehrern übrig. Darüber hinaus wurden auch die Fuldaer Volksschulen, die zuvor einen vom Nationalsozialismus belasteten Namen trugen, umbenannt. Aus der „Hindenburgschule“ wurde die „Stadtschule 1“ (heute Heinrich-von-Bibra-Schule) und der „Horst-Wessel-Schule“ die „Stadtschule 2“ (heute Adolf-von-Dalberg-Schule).

Verantwortlich für den Wiederaufbau des Schulwesens in Fulda war seit dem 27. Juni 1945 bis 1947 Dr. Franz Hilker, der von der amerikanischen Militärregierung zum Oberschulrat für den Stadt- und Landkreis Fulda ernannt wurde. Zuvor war er bis 1943 Leiter des „Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht“ in Berlin.  Die Lehrpläne wurden nach 1945 umfassend reformiert, da der Unterricht und die Lehrmittel von Militarismus und Nationalsozialismus befreit werden sollten. Unter anderem wurden die Schulbücher dazu in drei Kategorien eingeteilt (A= genehmigt, B= nicht genehmigt, C= unter Auflagen) und der Einsatz von Werken aus der NS-Zeit verboten. 

Während des Zweiten Weltkrieges konnte die Bevölkerung noch mit einer durchschnittlichen Tagesration eines Erwachsenen von rund 2.000 Kalorien rechnen. Mit der Zerstörung der Infrastruktur am Kriegsende verschlechterte sich jedoch die Versorgung erheblich. Vor allem der außergewöhnlich strenge Winter 1946/47 sowie die Missernten im trockenen Sommer 1947 verschärften die Ernährungslage. Die Zuteilung von Lebensmitteln war streng geregelt. In der Stadt Fulda war das kriegsbedingte Ernährungs- und Wirtschaftsamt für die Organisation und Verteilung zuständig. Das Amt war anfangs in der Oberrealschule, ab Sommer 1947 in einer Baracke auf dem Gelände des ehemaligen Offizierskasinos und daraufhin in den Räumen der ehemaligen Fabrik Wahler in der Rabanusstraße untergebracht.

Das Ernährungsamt erfasste die Bevölkerung nach dem Alter sowie deren Lebensumständen und teilte sie in unterschiedliche Kategorien der Versorgung mit der entsprechenden Menge an Lebensmitteln ein. Je nach Zuteilungsperiode waren die Lebensmittel äußerst knapp bemessen. In der Zuteilungsperiode vom 20. August bis 16. September 1945 erhielt eine erwachsene Person über 18 Jahre etwa nur 25 Gramm Fleisch. Es gab unterschiedliche Karten für Erwachsene, Jugendliche, Kinder, Kleinkinder, Kleinkinder und Säuglinge. Zudem wurde bei den monatlich festgelegten Wochenrationen zwischen Normalverbrauchern, Voll- und Teilselbstversorgern unterschieden, um den individuellen Kalorienbedarf zu berechnen.

Ab 1947 erhielten bestimmte Personengruppen mehr Lebensmittel, etwa Schwerarbeiter oder Schwangere und stillende Mütter. Im Zeitraum vom 23. April bis 27. Mai 1945 bekamen beispielsweise erwachsene Normalverbraucher in Fulda auf Lebensmittelkarten 1.500 g Brot und 250 g Fleisch pro Woche, 200 g Nährmittel (Reis oder Erbsen und Mehl), 100 g Marmelade, 100 g Kaffee-Ersatz und 200 g Butterschmalz (vgl. Fuldaer Volkszeitung, 26.4. 1945).

Neuanfang in Fulda

Im März 1945 fuhr Erna Hosemann mit einer der letzten Eisenbahnverbindungen zu ihrem Sohn Erwin nach Fulda. Dieser lag dort seit Januar schwer verletzt im Lazarett. Nach dem Kriegsende und der Rückkehr ihres Mannes Franz aus der Kriegsgefangenschaft baute sich die Familie eine neue Heimat in Fulda auf. Die Familie wohnte zunächst am Luckenberg und zog später in die Von-Schildeck-Straße.

Die Wohnungsabteilung der Stadt Fulda

Adam Hitzel war nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft seit dem 19. November 1945 bei der Stadt Fulda angestellt. In seiner Position als Leiter der Wohnungsabteilung beim Sozialamt war er für die Einrichtung einer Flüchtlingsdienststelle zuständig, die Unterbringung und Versorgung der Vertriebenen mit Lebensmitteln, Kleidern und Gebrauchsgegenständen verantwortete.

Denn aufgrund der Zwangsaussiedlung und Enteignung musste der Besitz in der alten Heimat zurückgelassen werden. Nur einige Habseligkeiten wie Lebensmittel, Kleidung, Decken und Ausweisdokumente konnten mitgenommen werden. Das Gepäck in Rucksäcken, Koffern oder Handwagen durfte 30 bis 50 kg nicht überschreiten.

Über die Einrichtung des Auffang- und Durchgangslagers berichtete er am 6. Februar 1979 in einem Audio-Interview mit dem ehemaligen Stadtbaurat Hans Nüchter:

„Gleich Ende 1945 wurde in der Rabanusstraße ein Projekt in Angriff genommen, und zwar wurde eine frühere Fabrik (bekannt unter dem Namen „Wahler’sche Fabrik“) umgebaut und mit 1.200 Betten ausgestattet, so dass wir in der Lage waren, im Februar/März 1946 schon die ersten Transporte aufzunehmen.

Dazu kam aber, dass wir nicht nur ein Lager hierrichten mussten, sondern Fulda war auch Verpflegungsstelle für die durchfahrenden Flüchtlingstransporte und Kriegsgefangenentransporte und somit gewissermaßen ein Mittelpunkt für die Transporte, die von Österreich oder der Tschechei kamen und nach Norddeutschland oder nach Nordhessen gingen. In Fulda war Zwischenstation für die Verpflegung.“

Auf die Frage, wer gekocht habe, antwortete Hitzel: „Das waren Rote-Kreuz-Schwestern. Unsere Fürsorgerinnen haben damals auch noch mitgeholfen. Sie haben den Nachtdienst gemacht und auch das Frühstück vorbereitet für den nächsten Tag während der Nachtwache. Es waren alles ehrenamtliche Leistungen.“

Entlassung und Wiedereinstellung

Aufgrund seiner technischen Spezialisierung und Erfahrung genehmigte die Militärregierung jedoch bereits im Januar 1946 seine Wiedereinstellung als Regierungsbauinspektor beim Wasserwirtschaftsamt in Fulda. Von 1966 bis 1972 arbeitete Fridolin Zint beim Wasserwirtschaftsamt in Darmstadt. Er starb am 24. Juni 1985 in Fulda. Im Zeitzeugeninterview, das hier  in Ausschnitten abrufbar ist, berichtet der Sohn von Fridolin Zint, Joachim Zint (*1937), über die Entnazifizierung seines Vaters.

Die Dokumente von Fridolin Zint, welche als Leihgabe für die Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam“ im Vonderau Museum zur Verfügung gestellt wurden, verdeutlichen auch den großen administrativen Aufwand der Entnazifizierung. Nach dem sogenannten Befreiungsgesetz vom 5. März 1946 wurden alle Deutschen über 18 Jahren in der amerikanischen Besatzungszone verpflichtet, einen umfangreichen Meldebogen auszufüllen, der 131 Fragen umfasste.

Im Rahmen seiner Entlassung aus dem Beamtenverhältnis und der Wiedereinstellung füllte auch Fridolin Zint einen Fragebogen und einen Meldebogen aus.

Gleis 1

Die erste Station ist Gleis 1 am Bahnhof in Fulda, wo im Februar 1946 der erste Transport aus Landskron mit 1200 Menschen eintraf. Seit 2016 hängt dort eine Gedenktafel, auf welcher die Orte und Städte der ehemaligen Ostgebiete des Deutschen Reichs markiert sind. Für Martha Rathmann ist die Gedenktafel mit der Landkarte ein idealer Startpunkt, um einerseits die Herkunft der Heimatvertriebenen historisch einzuordnen und zu visualisieren. Andererseits ist die Karte auch eine gute Möglichkeit, mit den Teilnehmenden in das Gespräch zu kommen, indem sie beispielsweise ihre ehemaligen Heimatorte auf der Landkarte entdecken. Mit historischem Bildmaterial ergänzt Rathmann ihre Ausführungen. Auf Gleis 1 erfahren die Teilnehmenden etwa wie die Güterzüge aussahen, in denen die Vertriebenen transportiert wurden.

Der Verleger Heinrich Kierzek

In Fulda erschien ab Oktober 1945 die Fuldaer Volkszeitung des Verlegers Heinrich Kierzek (1909-1975). Dieser erhielt die Lizenz zur Herausgabe der achten Zeitung in der amerikanischen Besatzungszone. Kierzek arbeitete als Redakteur bei der Tageszeitung "Echo der Gegenwart" in Aachen, bis zum Verbot 1935. Nach Kriegsende befreiten ihn die Amerikaner aus politischer Haft und setzten den Journalisten als Leiter der für die Entnazifizierung zuständigen „Special Branch“ in Fulda ein.

Die Herausgabe der Fuldaer Volkszeitung

Die Fuldaer Volkszeitung wurde im neu gegründeten Verlag Heinrich Kierzek veröffentlicht, ab 1949 Fuldaer Verlagsanstalt GmbH. Die erste Ausgabe erschien am 31. Oktober 1945 mit einer Auflage von 32.000 Exemplaren in den Kreisen Fulda, Schlüchtern, Lauterbach, Alsfeld, Hünfeld und Hersfeld.

In der Erstausgabe der Fuldaer Volkzeitung schrieb Heinrich Kierzek in dem Artikel „Befreite Presse“:

„Nur ein politisch reifes Volk kann jedoch auf die Dauer die Demokratie behaupten. Ehe unser Volk soweit ist, muß noch viel Aufklärungs- und Erziehungsarbeit geleistet und viel Schutt und Geröll beseitigt werden, die heute noch auf den Seelen der Menschen lasten. Wir sind uns bewußt, daß den Zeitungen dabei eine der wichtigsten Aufgaben zufällt und wollen uns ihrer mit allem Ernst und aller Kraft unterziehen.“

Das Gebäude am Peterstor 18-20 war bis zum Wiederscheinen der Fuldaer Zeitung im Jahr 1951 der Sitz der Redaktion und Produktion der Fuldaer Volkszeitung. Am 30. Juni 1974 stellte die Zeitung ihr Erscheinen ein.

[2]

Gebäudes, an dem eine Bombe ein Eck abriss.
Von da an übten wir unsere Tätigkeit in der Baracke
am Waldschlösschen und im sogenannten Offiziers-
kasino aus. Im Kasino gab es nichts zu essen, außer
der Bömme, die wir von zuhause mitbrachten.
Dann kam der Palmsonntag. Das Kasino wurde zer-
bombt. Ich hatte keine Arbeitsstelle mehr. –
Zu uns zuhause kam ein Fahrradbote und sagte,
ich solle mich im Zieherser Hof zur Landarbeit
melden. Da fand ich einige etwa Gleichaltrige
vor. Der Gutsherr unterrichtete und, was wir zu machen
haben. Rüben vereinzeln haben wir dann
gelernt. Es gab mittags eine Erbsensuppe und ein
gekochtes Ei und 1,- RM am Tag. Der Rücken tat
mir weh und ich ging nicht mehr hin.
Im Juni kam derselbe Radfahrer vom Arbeitsamt.
Ich möge mich auf der Leipziger Straße im Hotel
Lenz melden. Da war meine Beschäftigung Coca-Cola
Flaschen öffnen. [Die Amerikaner kamen von der Kaserne nach Feierabend.] Nach ein paar Tagen hatte ich
blutige Finger. Da ich für die Kassiererin dolmetschen
musste, habe ich mich bei einer Leiterin vom amerika-
nischen Red Cross beschwert. Daraufhin bekam ich

Versorgung und Überlebensmittel

Daheim stand der praktische Überlebenskampf im Vordergrund, obwohl alles nach der Währungsreform 1948 spürbar besser wurde. Meine Mutter fand keine Stelle, wir lebten weiter von staatlicher Flüchtlingshilfe und den kümmerlichen Nebeneinkünften durch Näharbeiten meiner Mutter. Die Hungerjahre waren vorbei, Ährensammeln auf abgeernteten Feldern, um aus den gewonnenen Körnern in der Mühle Mehl zu bekommen für Broteintausch oder Weizenkörnern für eigenen Kuchen, wurde immer mehr zum Zusatzsport als Notwendigkeit. Genauso das Pflücken von Huflattich und Brennnesseln, um Spinat daraus zu machen. […]

Wir bekamen an der Schwarza, also nah zum Wasserholen, ein kleines Stück Land zugewiesen, wo alle Flüchtlinge ihre Gemüsebeete anlegten zur Selbstversorgung. Frikadellen bestanden damals zu höchstens einem Drittel aus Fleisch, ansonsten aus Brötchen, welche mit Kartoffelsalat, der mit dem Rahm, der sich auf einem Topf Kuhmilch gebildet hatte, zubereitet wurden, und sie bildeten eine köstliche Tagesversorgung, wenn wir loszogen zum Heidelbeeren-pflücken, um wieder einen Jahresvorrat Marmelade herzustellen. Meine Tagesration am Ofen, wegen der Restnässe geröstetes Maisbrot zusammen mit einem kleinen Arzneigläschen voll braunen Kubazucker, wenn ich die ersten beiden Nachkriegsjahre nach Fulda in die Schule fuhr, war abgelöst worden durch Schulspeisung und regelmäßiger Postbusbeförderung, 7 Uhr Hinfahrt und 14 Uhr wieder heim. […]

„Mann im Mutterland“ handelt von Herkunft und Familie, der Vertreibung des Autors aus Nordmähren und dem Ankommen in Fulda. Das Buch verbindet dabei die individuellen Erinnerungen mit der Zeitgeschichte. Helmut Kopetzky wurde 1940 in der Stadt Mährisch-Schönberg geboren und kam als Fünfeinhalbjähriger mit seiner Mutter 1946 in Fulda an. Er arbeitete bis 1968 als Redakteur bei der Fuldaer Zeitung und lebte viele Jahre als Funk- und Fernsehjournalist in Berlin. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen als Feature-Autor. Musikalisch wurde er am Klavier und Akkordeon von dem gebürtigen Fuldaer Komponisten Bardo Henning begleitet. Alle Stücke wurden eigens für den Abend von ihm komponiert.

Die Objekte sind ein Neuzugang für die kultur- und stadtgeschichtliche Sammlung des Vonderau Museums und wurden im Juli 2020 als Schenkung im Rahmen des Dokumentationsprojekts „Fulda erzählt“ übergeben. Dabei berichten Fuldaerinnen und Fuldaer von ihren persönlichen Erinnerungen an historische Ereignisse und Themen der Stadt und Region vom Zweiten Weltkrieg bis heute.

Auch die Industrie stellt in der Nachkriegszeit nützliche Güter des täglichen Bedarfs her. Die Fuldaer Emaillierwerke produzieren aus Kriegsprodukten wie Wehrmachtshelmen oder Gasmaskendosen Küchengeräte und Haushaltswaren etwa Kannen oder Küchensiebe für die zivile Nutzung. Letztere sind gerade in der Jubiläumsausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ noch bis 9. Januar 2021 im Vonderau Museum zu sehen. Mehr Informationen unter www.fulda.de/75jahreverfassung

Wiedereröffnung der Schulen

Im Rahmen einer zentralen Eröffnungsfeier wurden am 24. September 1945 am Spielplatz der Domschule die Fuldaer Volksschulen eröffnet. An der Feier, die von Dr. Franz Hilker und Vertretern der Militärregierung geplant worden war, nahmen ungefähr 3000 Kinder, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sowie geladene Gäste teil. Leutnant Finkelstein, ein Vertreter der Fuldaer Militärregierung, betonte in seiner Rede, dass die Wiedereröffnung der Fuldaer Volksschulen ein „bedeutsamer Schritt auf dem Wege zu einem gereinigten Deutschland“ sei. Er endete mit den Worten: „Ich bete, dass der Geist der Demokratie triumphieren und das Volksschulwesen sich bald als die Wiege des wiedergeborenen Gewissens erweisen möge.“

In dem Stadtschulgebäude (heute Vonderau Museum) waren nach dem Zweiten Weltkrieg zwei Volksschulen, die heutige die Heinrich-von-Bibra-Schule und Adolf-von-Dalberg-Schule untergebracht, die als Stadtschulen 1 und 2 wiedereröffnet wurden. In der Heinrich-von-Bibra-Schule wurde Franz Heurich Schulleiter, der 1934 aus politischen Gründen seines Amtes enthoben worden war, da er Widerstand gegen das NS-Regime geleistet hatte. Zusammen zählten sie mehr als 2.200 Schulkinder. Die Gesamtzahl der Lehrkräfte beider Volksschulen lag bei 34. Nach dem Beschluss der Stadtverordnetenversammlung erhielten die Schulen am 26. August 1946 ihren heutigen Namen.

Zeitungs- und Stimmungsberichte

Die Ernährungs- und Versorgungskrise wurde in zahlreichen Berichten der Fuldaer Volkszeitung thematisiert. So lauteten in den Jahren 1946 und 1947 beispielsweise die Schlagzeilen: „30.000 Zentner Brotgetreide fehlen“ oder „Schatten des Hungers auch über dem Fuldaer Land“ (vgl. Fuldaer Volkszeitung, 24.7.1946 und 13.5.1947). 

Neben den Zeitungsartikeln spiegeln auch die eingangs zitierten Stimmungsberichte des Fuldaer Polizeichefs Gerd Rupperti die angespannte Versorgungslage wider. So schrieb dieser in der Woche vom 8. bis 14. März 1946, dass „die […] pessimistische, ja reaktionäre Stimmung der Bevölkerung anhält. Mögen verschiedene Faktoren ihren Teil zu dieser Stimmung beitragen, keiner aber ist bei der breiten Masse so ausschlaggebend wie der Faktor Hunger.“

Durch die weiteren Kürzungen der Lebensmittelrationen im März 1946 konnte nur die Hälfte der eigentlichen Brotration ausgegeben werden. Rupperti hielt dazu fest:

„Das bedeutet besonders für Familien mit erwachsenen Kindern Hunger und nochmals Hunger. Die Stimmung hat durch Hunger und Entbehrungen einen Tiefstand erreicht, wie nie zuvor, da ändern auch alle in den Zeitungen vermerkten Hilfsbemühungen nichts.“

Rupperti, Stimmungsbericht, 29.3.-24.4.1946

Der Fuldaer Landrat Georg Stieler appellierte in seiner sogenannten „Hungerrede“, welche im Juni 1946 in der Fuldaer Volkszeitung veröffentlicht wurde, an die „Bauern und Bäuerinnen des Fuldaer Landes“ ihrer Ablieferungspflicht zur Versorgung der städtischen Bevölkerung nachzukommen und mahnte: „Lasst unsere Mitmenschen nicht verhungern!“ (vgl. Fuldaer Volkszeitung, 1.6.1946).

Im August 1946 wies Rupperti auf die gesundheitlichen Gefahren der Mangelernährung für die Bevölkerung hin:

„Wenn es nicht gelingt, die Rationssätze für Lebensmittel heraufzusetzen, steht zu befürchten, dass der Gesundheitszustand ein immer schlechterer wird und in Verbindung mit der Zusammenpferchung der Bevölkerung auf engstem Raum durch die Zuweisung der Flüchtlinge ist die Gefahr der Ausbreitung von Seuchen und Epidemien bedeutend angewachsen.“

Rupperti, Stimmungsbericht, 16.8.1946

Im Herbst 1946 schrieb der Polizeichef, dass die Fuldaerinnen und Fuldaer die angekündigten Lebensmittellieferungen aufgrund des akuten Mangels nicht ernst nahmen:

Die Bevölkerung empfindet die ständige Hinhaltung wegen der angekündigten Lebensmittelerhöhungen als Hohn und als bewusste Verdummung; allgemein hat man das Gefühl, dass man nur hingehalten wird und dass man gar nicht gewillt ist, den Deutschen ein Minimum als Existenzgrundlage zu geben. […] Allgemein wird darauf hingewiesen, dass die bestehenden Fettrationen unmöglich sind und dass bei Beibehaltung derselben für den Winter das schlimmste zu befürchten ist.“

Rupperti, Stimmungsbericht, 11.10.1946

Neugründung der SPD

Im Oktober 1945 gehörten Erna und Franz Hosemann zu den Gründern der SPD in Fulda. Die Gründungsveranstaltung fand in der Gaststätte „Ballhaus“ in der Markstraße statt. Bis zu ihrem Tod bzw. Ausscheiden aus Altersgründen waren beide im Vorstand des Ortsvereins tätig. Zudem wurde Erna Hosemann 1946 in den Vorstand des Kreis- und Bezirksvorstand Hessen-Nord gewählt, dem sie bis 1973 angehörte. Nach der Kommunalwahl am 25. April 1948 gehörte sie anfangs als einzige Frau unter den acht sozialdemokratischen Stadtverordneten dem Stadtparlament an. Sie war im Sozialausschuss, in der Krankenhaus- und Sozialhilfedeputation und im Jugendwohlfahrtsausschuss tätig und engagierte sich vor allem in Sozial- und Frauenfragen. Bis zum 31. Oktober 1964 prägte Erna Hosemann als Stadtverordnete die Fuldaer Kommunalpolitik.

Die Ankunft der Heimatvertriebenen

Ab 23. Februar 1946 kamen die ersten Vertriebenen in organisierten Transporten in Fulda an. Für 36 von 49 Güterzügen war der Fuldaer Bahnhof nur Durchgangsstation. Ein Transport bestand aus 40 aneinandergereihten Güterwaggons. In einem Waggon befanden sich jeweils 30 Personen mit insgesamt 1.200 Vertriebenen pro Zug.

Über die Ankunft des ersten Transports berichtete die Fuldaer Volkszeitung in dem Artikel „Die ersten Zwölfhundert“ am 27. Februar 1946. Vor 75 Jahren nahm die Stadt Fulda insgesamt über 5.500 und der Landkreis weitere 15.500 Heimatvertriebene vor allem aus dem Sudetenland, aber auch aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien auf. Der Anteil der Vertriebenen an der Wohnbevölkerung lag in Fulda aufgrund der Verteilungspolitik Ende des Jahres bei 14,8 %. Besonders in den ländlichen, von den Kriegszerstörungen verschonten Regionen lag die Anzahl der Vertriebenen an der Bevölkerung häufig noch höher. Aufgrund der angespannten Wohnsituation beendete die amerikanische Militärregierung die Transporte im Winter 1946 und sperrte die US-Zone für weitere Zuzüge.

Suppen- und Teeküche der Caritas

Die zweite Station befindet sich direkt neben dem ZOB in der Ruprechtstraße am Standort des Einkaufzentrums Centhof. Dort war die Suppen- und Teeküche der Caritas in einer Holzbaracke untergebracht, in der die Flüchtlinge und Vertriebenen nach ihrer Ankunft mit heißen Getränken und Suppe versorgt wurden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellte die Linderung der Not von Vertriebenen und Flüchtlingen einen Tätigkeitsschwerpunkt der Caritas dar.

Ein weiteres Fenster hatte sich an der ehemaligen Stadtschule (heute Vonderau Museum) erhalten. Dort reparierte Fridolin Zint während seiner Hilfsarbeitertätigkeit in den Jahren 1945/46 zeitweise Fenster und Öfen der Schulklassen. Beim Umbau des Gebäudes zum Museum in den 1980er Jahre wurde das oberste, vierte Geschoss entfernt, sodass das Fenster heute nicht mehr vorhanden ist. Das Foto zeigt ein Fenster, das aus kleinen Glasscheiben von Fridolin Zint zusammengesetzt wurde, an der Ecke Steinweg / Kasernengässchen um 1980.

[3]

mehr Geld (ca. 200,- DM pro Monat) und ich gab
Spiele aus und beschallte den großen Saal
mit amerikanischer Musik. Manchmal spielten
die Soldaten Bingo, oft gab es zeitgemäße Filme
zu sehen, was aber das Wichtigste für mich und
meine Arbeitskollegen war: es gab Donuts. Das
fertige Backmehl kam in großen, hölzernen Fässern.
Ein Kollege rührte es an und die Donut-Maschine
sprühte den Teig in heißes Fett. Donuts, die bis abends
nicht gegessen waren, durften wir nach Hause
mitnehmen. Das war auch zur Freude meiner
Eltern, denn es herrschte ja Knappheit in allem.
Ich konnte ja wenig aus der Ausbombung retten.
Meine Mutter näht mir aus dem Schal meiner Oma,
wunderschön mit Kreuzstich-Blumen voll bestickt und
einer alten Kellnerjacke meines Onkels eine Jacke.
Am oberen Wallweg lebten während des Krieges in
einer Baracke Ukrainerinnen. Wir nannten sie
Wolgamaiden. Nach deren Heimkehr fanden meine
Eltern dort Spinte. So hatten wir „Kleiderschränke“.
Ich fand einen völlig löchrigen, lila verblassten Pullover,
wusch den Dreck aus in der Regentonne. Nachdem
er sauber war, zog ich ihn auf und strickte [mit einem Stabilitätsfaden]
einen neuen, der allseits bewundert wurde.
Einmal pro Woche gab es Pferdefleisch bei Bolst.
Ich kann mich nicht erinnern, ob ich davon aß, aber
es war begehrt, denn sonst wäre in der Gasse

Zur Person:

Alois Pleyer wurde 1934 in Prag geboren und wuchs in Landskron im Sudetenland auf. Im Februar 1946 kam er mit einem Vertriebenentransport nach Fulda und fand seine neue Heimat in der Gemeinde Hainzell im Landkreis Fulda, wo er bis 1952 wohnte. Die Aussiedlung und der Neuanfang in Hessen sind einschneidende Erlebnisse. Als Jugendlicher besuchte er ab 1947 das Realgymnasium in Fulda. Während der Schulzeit entdeckte er seine Freude am Handball und war 20 Jahre lang als Schiedsrichter tätig. Ein Anlaufpunkt für den Jugendlichen stellte das Amerikahaus in Fulda dar, wo er sich regelmäßig Bücher auslieh. 1955 schloss Alois Pleyer seine Ausbildung bei der Post als Postassistentenanwärter ab und arbeitete im mittleren Dienst. Er heiratete 1954 und hat drei Kinder.

Weiterführende Informationen:

Am 10. Oktober 1945 eröffneten die Volksschulen im Fuldaer Land und am 15. Oktober 1945 die Höheren Schulen/Gymnasien: das Staatliche Aufbaugymnasium (heute Winfriedschule) am Heinrich-von-Bibra-Platz, das Städtische Realgymnasium (ab 1959 Freiherr-vom-Stein-Schule) im ehemaligen Lehrerseminar in der Leipziger Straße 2, das Domgymnasium in der Alten Universität (ab 1948 Rabanus-Maurus-Schule in der Magdeburger Straße 78) und das private Realgymnasium für Mädchen in der Lindenstraße 27 (heute Marienschule).

Hungerwinter 1946/1947

Ihren Höhepunkt erreichte die Ernährungskrise im strengen Winter 1946/47, der zum „Hungerwinter“ wurde. Von Mitte Dezember bis Ende März 1947 gab es eine anhaltende Kälteperiode. Über zwei Monate lagen die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. In der Folge brach das Transportsystem völlig zusammen. Neben dem Mangel an Lebensmitteln wurden die Brennstoffe knapp, da Holz und Kohle bei der extremen Kälte nicht ausreichten.

Auch die politischen Auswirkungen des Hungers wurden thematisiert: Am 23. November 1946 titelte die Fuldaer Volkszeitung „Ohne Nahrung keine Demokratie“ und berichtete von der Lebensmittelzufuhr in der britischen und amerikanischen Besatzungszone. Der Tagessatz für einen Normalverbraucher betrug zu diesem Zeitpunkt nur noch 1.550 Kalorien. Dies konnte jedoch aufgrund von Transportschwierigkeiten der angeforderten Lebensmittel aus den USA kaum gewährleistet werden (vgl. Fuldaer Volkszeitung, 23.11.1946).

Anfang Dezember 1946 berichtete die Fuldaer Volkszeitung unter dem Titel „Der Hunger geht um“ über ernährungsmedizinische Erkenntnisse und Folgen der Mangelernährung, wie etwa Hungerödeme. (vgl. Fuldaer Volkszeitung, 5.12.1946).

In einem weiteren Stimmungsbericht schilderte Rupperti, dass Hausfrauen mehrere Stunden für Butter anstehen mussten, ganz zum Nachteil der arbeitenden Bevölkerung (vgl. Gerd Rupperti, Politischer Stimmungsbericht, 14.11.1946). Insbesondere die erneute Kürzung der Fettration, welche für den Monat Dezember nur 200 g betrug, wurde als „völlig unzureichend bezeichnet“ und löste bei der schon unterernährten Bevölkerung großes Unverständnis aus, insbesondere gegenüber den verantwortlichen amerikanischen und deutschen Behörden (vgl. Rupperti, Stimmungsbericht, 13.12.1946).

Gründung der AWO

Zusammen mit ihrem Mann gründete Erna Hosemann im Juni 1946 die Arbeiterwohlfahrt in Fulda, deren erste Vorsitzende für Fulda-Stadt und -Land sie 27 Jahre lang bis August 1973 war. Danach wurde sie zur Ehrenvorsitzenden ernannt. Außerdem war Hosemann im Bezirksvorstand der Arbeiterwohlfahrt Hessen-Nord und im Bezirksausschuss aktiv. Besonders durch die Einrichtung von Nähstuben und Suppenküchen, die Verteilung von CARE-Paketen oder die Durchführung von Schulspeisungen half die AWO die Bevölkerung zu versorgen und die soziale Not in den Nachkriegsjahren zu lindern.

„Kurz nach dem Krieg war es schon eine Besonderheit, ein Fahrrad zu besitzen; mit einem Bezugsschein erhielt meine Schwiegermutter in Fulda so ein notwendiges Fahrzeug, denn wegen ihrer schweren Arthritis in den Knien, worunter sie sehr litt, waren längere Fußwege fast unmöglich. Also stieg Erna Hosemann, Vollblut-Sozialdemokratin aus Berlin durch die Kriegsereignisse nach Fulda verschlagen und selbstverständlich schon in der wieder gegründeten SPD tätig, aufs Fahrrad! Damit radelte sie dann zum ersten Büro der AWO am Peterstor.“

Erinnerungen von Ilse Hosemann, 1996

Aufgrund ihrer Initiative und ihres Engagements eröffnete die AWO 1965 das Altenheim im Fuldaer Stadtteil Ziehers-Nord, das den Namen „Erna-Hosemann-Haus“ trägt.

Die Integration

„3.000 Wohnungen weniger in Fulda, aber 10.000 Personen mehr als 1939“ (Fuldaer Nachrichtenblatt, 1.8.1945)

Angesichts der Wohnraumproblematik durch die Kriegszerstörungen und Beschlagnahmungen stellte die Versorgung, Unterbringung und Arbeitsplatzbeschaffung der Heimatvertriebenen eine große Herausforderung in den Nachkriegsjahren dar.  Im Verwaltungsbericht der Stadt Fulda für das Jahr 1948 bezeichnete Oberbürgermeister Dr. Cuno Raabe die Wohnungsnot als ein „Kardinalproblem“. Denn neben den Heimatvertriebenen mussten auch noch 4.000 Evakuierte, Displaced Persons sowie eine nicht näher bestimmbare Zahl von durchziehenden Flüchtlingen beherbergt werden. Die Stadtverwaltung legte am 16. September 1946 der Militärregierung eine Berechnung vor. Nach dieser lebten in Fulda mittlerweile 44.631 Personen, sodass auf den in der Stadt vorhandenen Wohnraum 1,93 Personen kamen (vgl. Stadtarchiv 6/474).

Die Unterbringung von Flüchtlingen und Vertriebenen in den Wohnungen der einheimischen Bevölkerung führte häufiger Problemen und Auseinandersetzungen. Der Verwaltungsbericht der Stadt Fulda für das Jahr 1946 gibt Auskunft darüber, dass die Situation eine erhebliche Belastung für die Bevölkerung sei, die zu „Spannungen zwischen Alt- und Neubürgern aufgrund des engen Zusammenwohnens sowie des verschiedenartigen landsmannschaftlichen Charakters“ führe. Dennoch lebe die Mehrheit der Flüchtlinge „in guten Verhältnissen mit ihren Quartiergebern.“

Der Leiter der Wohnungsabteilung Hitzel berichtete im Interview mit dem Stadtbaurat Hans Nüchter über die Wahrnehmung der lokalen Bevölkerung:

 „Es gab ab und zu mal Schwierigkeiten. […]  Der erste Transport wurde besser aufgenommen als die weiteren Transporte. Man hat geglaubt, dass es mit dem einen Transport erledigt wäre, und da war die Bevölkerung jedenfalls mehr zugängig als später. Später war die Unterbringung schwieriger. Jeder hat sich ja gesträubt, einen Raum abzugeben – nur im äußersten Falle –, und dadurch war dann die Unterbringung zunächst etwas schwieriger geworden. Aber durch die systematische Überprüfung der Wohnungen war es dann doch leichter, weil die Leute sich ja auf Grund der Gesetze damals nicht weigern konnten. Die Flüchtlinge mussten ja aufgenommen werden, wenn Unterbelegung der Wohnung vorhanden war.“

Die schwierige Versorgungslage und große Wohnungsnot erschwerten die Unterbringung und berufliche Eingliederung der Neubürgerinnen und Neubürger. In den 1950er Jahren begründete Ministerpräsident Georg-August Zinn mit dem Hessenplan ein beispielloses Strukturentwicklungsprogramm, das Wohnraum und Arbeitsplätze schuf. Im Landkreis Fulda etwa entstand 1950 die Siedlung Niesig als erste neue Siedlung im Landkreis Fulda mit Unterstützung der Kreisbehörden und der hessischen Landesregierung. Die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Integration der Vertriebenen gilt heute als Erfolgsgeschichte.

"Mitläufer"

In diesem Dokument musste sehr detailliert Auskunft über Mitgliedschaften in NS-Organisationen und über die Dienstzeit bei der Wehrmacht gegeben werden.

Nach der Auswertung der einzelnen Meldebögen wurden die betroffenen Personen in sechs Gruppen eingeteilt: Nicht betroffen, Entlastete, Mitläufer, Minderbelastete, Belastete und Hauptschuldige.

Im Entnazifizierungsverfahren wurde Fridolin Zint von der Spruchkammer als „Mitläufer“ eingestuft.

 

Sühnemaßnahmen

Im April 1948 erhielt Fridolin Zint den Sühnebescheid des hessischen Ministers für politische Befreiung, der mit der Zahlung eines „Sühnegeldes“ in Höhe von 400 Reichsmark verbunden war. Weitere Sühnemaßnahmen, wie etwa Haft in einem Arbeitslager, Berufsverbot oder Vermögenseinzug, waren vom jeweiligen Grad der Belastung abhängig. Die Auswertung des Meldebogens war zudem entscheidend für das Wahlrecht, den Arbeitgeber sowie die Ausgabe von Lebensmittelkarten.

Bis zur Auflösung der Spruchkammern im Herbst 1948 wurden in Hessen 57 % der Betroffenen als Mitläufer eingestuft. In Fulda sind nur zwei Personen als Hauptschuldige verurteilt worden. Vor allem die politisch verantwortlichen Personen für die NS-Verbrechen wurden im Laufe der Entnazifizierungsverfahren häufig entlastet und durch die Berufungskammern herabgestuft wie im Fall des Fuldaer Oberbürgermeisters Franz Danzebrink und des Bürgermeisters sowie NSDAP-Kreisleiters Karl Ehser.

Aufnahmelager in der Rabanusstraße

Anschließend führt der Weg weiter in die Rabanusstraße 23. Dort befand sich ein Aufnahme- und Durchgangslager in der ehemaligen Fabrik Wahler.  Die Vertriebenen waren dort meistens für eine Nacht untergebracht. Martha Rathmann erzählt, dass ein Teilnehmer bei einer Führung berichtete, dass er als 16-Jähriger in der Fabrik untergebracht war. Diese sei mit Etagenbetten ausgestattet gewesen und die älteren Jungen hätten auf das Gepäck aufgepasst, damit nichts geklaut werden konnte.

Interview mit Matthias Kierzek

Die an Heinrich Kierzek verliehene Lizenz war ein zentrales Objekt in der Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ (15. Juli 2021 – 9. Januar 2022) im Vonderau Museum. Der Sohn des Verlegers und ab 1975 selbst Geschäftsführer der Fuldaer Verlagsanstalt GmbH, Matthias Kierzek (*1950), stellte dem Museum das Objekt als Leihgabe zur Verfügung. In diesem Rahmen berichtete er auch über die Objektgeschichte:

Auf welche Weise wurde die Lizenz an Sie weitergegeben?

„Die Lizenz wurde meinem Vater von der amerikanischen Militärregierung erteilt. Sie verlor allerdings bereits 1949 ihre rechtliche Bedeutung und Wirksamkeit, als die Generallizenz jedem das Recht einräumte, eine Zeitung herauszubringen. Unberührt davon hatte mein Vater bzw. die Fuldaer Verlagsanstalt danach allein schon aus wettbewerblichen Gründen das alleinige Recht an diesem Titel. Es erlosch mit der Einstellung am 30. Juni 1974. Der Titel konnte also an mich nicht mehr übertragen werden, wirtschaftlich sah ich zu einer Neubelebung auch keine Rechtfertigung. Heute könnte es jeder mit einer Fuldaer Volkszeitung neu versuchen außer mir, da ich mich gegenüber der Fuldaer Zeitung zu einem Verzicht darauf verpflichtet habe.“

Was verbinden Sie mit der Lizenz und wofür steht die Lizenz heute?

„Die Lizenz ist ein wichtiges historisches Dokument und ist für mich, wie für meinen Vater, der Ausgangspunkt, ja die Startbedingung unserer selbständigen beruflichen Aktivität. Sie stand für das Vertrauen in eine zutiefst demokratische Grundhaltung, was Denken und Handeln von uns beiden immer bestimmt hat.“

Welche Bedeutung hat die Lizenz für Sie und Ihre Familie?

„Die Lizenzurkunde hängt seit Jahrzehnten in unserem Haus als bleibende Erinnerung an das Ereignis, dem meine Familie die wirtschaftliche Existenz und das materielle Wohlergehen verdankt.“

[4]

hinter der Markstraße nicht eine lange
Schlange Wartender auf Bedienung.
Fotos brachte man zum Drogist Steyer im
Krokodil.
Am 4. Juli 47 machte das amerikanische
Red Cross zu. Es gab ein großes Feuerwerk in
den Fulda-Auen.
Jetzt war meine Arbeit mit einigen US-Soldaten
Versandpapiere schreiben (Medizin und medizi-
nische Geräte). Das amerikanische Lazarett im
Herz-Jesu Krankenhaus wurde aufgelöst.
Danach bestritt ich die „Commissary-Order-
Section“. Die Amerikanerinnen telefonierten mir
ihre Lebensmittelwünsche und ein Soldat kam,
kaufte in Hersfeld im Commissary (dem ame-
rikanischen Lebensmittelladen) ein und liefer-
te den Familien aus. Ich erinnere mich in
der Vorweihnachtszeit. Ich musste immer erst
alle anderen Lebensmittel listen, dass das Fleisch.
„Schreib bitte „Mincemeat nicht zum Fleisch“.
„Mincemeat“ ist eine Trockenfrüchtemischung mit
Nüssen für die Weihnachtsbäckerei.
Abends gönnte man sich einen Kinobesuch: Im
Kino neben dem Amerika-Haus.
Mein Chef vom Herz-Jesu-Krankenhaus arbeitete
nun in der Jugendherberge. Da war das „Displaced
Persons“ Krankenhaus. Die DP’s wohnten im
Fuldaer „Congo“. Wer krank wurde, kam zu uns:
ein Russischer, ein Tschechischer, 2 lettische Ärzte

Schulalltag

Der Mangel an Lehrkräften durch die Säuberungsmaßnahmen der amerikanischen Militärregierung führte dazu, dass es zunächst Klassengrößen von teilweise 60 und mehr Kindern gab. Aufgrund des Lehrermangels wurden pensionierte Lehrer wiedereingestellt und sogenannte Schulhelfer beschäftigt. Dies waren häufig Abiturienten oder Studenten ohne pädagogische Kenntnisse, die nur eine Kurzausbildung erhielten. Einer dieser Schulhelfer war Elmar Schick, der ab dem 15. November 1945 in der Adolf-von-Dalberg-Schule arbeitete.

In den ersten Nachkriegsjahren fehlte es neben dem Personal auch an Lehrmitteln, Räumen und Heizmaterial, sodass der Mangel in allen Bereichen einen geregelten Schulbetrieb verhinderte. Insbesondere im Hungerwinter 1946/47 verschlechterte sich zudem die Energie- und Lebensmittelversorgung der Bevölkerung dramatisch. Ein Bericht der heutigen Heinrich-von-Bibra-Schule von 1946 beschreibt die Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen exemplarisch:

"So waren die Schulversäumnisse bei den Schülern infolge Unterernährung, schlechten Schuhwerks und besonders durch die große Kälte des Winters 1946/47 erheblich. An bedürftige Schulkinder wurde soweit als möglich eine Sonderbesohlung des Schuhwerks durchgeführt. […] Es fehlen Tafeln, Hefte, Zeichenmaterial und Bücher."

In einem weiteren Beitrag erinnert sich der Zeitzeuge Helmut Arnold an seine Schulzeit in der Nachkriegszeit in Fulda.

Verwendete Literatur und Quellen:

  • Amtliches Mitteilungsblatt für Stadt- und Landkreis Fulda
  • Fuldaer Geschichtsverein (Hg.): Fulda – Das Stadtlexikon, Fulda 2019
  • Fuldaer Volkszeitung 1945
  • Stasch, Gregor K. (Hg.): „Alles für Fulda!“ Aspekte der Kommunalpolitik 1946-2006. Begleitband zur Ausstellung im Vonderau Museum (2006)
  • Sagan, Günter: Die frühe Nachkriegszeit in der Region Fulda. Die Jahre 1945 und 1Schick, Elmar: Die Fuldaer Volksschulen 1945, in: Buchenblätter 76 (2003).946, Petersberg 2015, S. 103-112
  • Sagan, Günter: Besatzungsjahre (1945-1949), in: Fuldaer Geschichtsverein (Hg.): Geschichte der Stadt Fulda. Von der fürstlichen Residenz zum hessischen Sonderstatus, Band 2, Fulda 2008, S. 205-238
  • Schick, Elmar: Die Fuldaer Volksschulen 1945, in: Buchenblätter 76 (2003)
  • Verwaltungsbericht der Stadt Fulda für das Haushaltsjahr 1946

Hamsterfahrten und Schwarzmarkt

In der Stadt Fulda wurden im April 1947 38.468 Menschen, bis März 1948 sogar 40.214 Personen monatlich mit Lebensmittelmarken versorgt (vgl. Verwaltungsbericht 1947, S. 30). Darüber hinaus unternahmen viele Menschen Hamsterfahrten, um ausreichend Nahrungsmittel zum Überleben zu besorgen. Die Fuldaerin Liselotte Röder berichtete, dass es zwangsläufig zum Hamstern kam, um überhaupt durchzukommen. Häufig wurden auch Kohlen an den Bahngleisen gegen die Kälte geklaut, da es keine Brennmaterialien gab und die Menschen in ihren Wohnungen froren. Die Versorgungskrise nach 1945 sorgte auch in der Stadt Fulda für eine zunehmende Kriminalität und zwang die Bevölkerung zum Kauf von Lebensmitteln und Waren mit hohen Preisen auf dem Schwarzmarkt.

Frauenrechte

Erna Hosemann gehörte dem überparteilichen Frauenkreis Fulda an und war auch im überregionalen Dachverband dieser Organisation, dem Frauen-Verband Hessen, aktiv, von 1954 bis 1958 im engeren Vorstand und danach im erweiterten Vorstand. Unter anderem nahm sie 1951 zusammen mit der Kasseler Juristin Elisabeth Selbert und Marie Juchacz an einer SPD-Frauenkonferenz in Fulda teil.

Am 16. Mai 1974 starb Hosemann in Langen bei Frankfurt am Main, wo sie seit 1973 bei ihrer Familie lebte.

Kurzbiografien

Nicht betroffen

Demgegenüber erhielten unbelastete Personen nach ihrer Überprüfung eine Bescheinigung vom Großhessischen Staatsministerium. Laut der Bescheinigung vom 26. März 1947 war Margot Burschel aufgrund ihrer Angaben im Meldebogen nicht vom Gesetz zur Befreiung vom Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946 betroffen und somit entlastet.

Entlausung

Nach der Ankunft und Registrierung der Vertriebenen wurde eine gesundheitliche Überprüfung und Entlausung durchgeführt. Die eigens dafür eingerichtete städtische Desinfektionsanstalt, die vierte Station der Führung, befand sich in der Turnhalle der Stadtschule hinter dem heutigen Sparkassengebäude in der Rabanusstraße. Martha Rathmann erklärt, dass dort alle Heimatvertriebenen mehrere Runden durch das Gebäude laufen mussten und währenddessen mit Pulver besprüht wurden.

Verwendete Quellen und Literatur:

  • Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ im Vonderau Museum Fulda (15.7.-9.1.2022).
  • Berge, Otto: Zum Verbot der Fuldaer Zeitung: vor 60 Jahren, Buchenblätter 68, 1995, H. 13, 30, 05, S. 51, 1995.
  • „Erste Ausgabe der „Fuldaer Volkszeitung“, 31. Oktober 1945“, in: Zeitgeschichte in Hessen <https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/edb/id/3469> (Stand: 31.10.2020).
  • Fuldaer Volkszeitung, Jg. 1945 (Stadtarchiv Fulda)
  • Fuldaer Zeitung (Hg.): 125 Jahre Fuldaer Zeitung, Fulda 1999.
  •  „Matthias Kierzek“, in: Munziger-Archiv GmbH, Ravensburg <http://www.munzinger.de/document/00000024454> (Stand: 15.12.2021).
  • Parzeller & Co. (Hg.): Schreiben und drucken in Fulda: 1874-1974; Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Fuldaer Zeitung und des Verlages Parzeller & Co. (vormals Fuldaer Actiendruckerei), Fulda 1973.
  • Schmitt, Thomas: Die Geschichte der Fuldaer Zeitung, in: Geschichte der Stadt Fulda, Bd. 2, Fulda 2008, S. 528-540.
  • Schmitt, Thomas: „Fuldaer Volkszeitung“, in: Fuldaer Geschichtsverein e.V. (Hg.): Fulda – Das Stadtlexikon, Fulda 2018, S. 165f.
  • Welsch, Eva-Juliane: Die hessischen Lizenzträger und ihre Zeitungen, Univ., Diss., Dortmund 2002, S. 183-217.

[5]

und ein Administrator leiteten das Haus.
Der tschechische Arzt machte auch Obduktionen
im Städtischen Krankenhaus. [...]
Mittags fuhren wir in einem offenen
Militärfahrzeug [und mit Essbesteck bewaffnet] ins Cafe Thiele.
Da sagte Dr. Roucek: „Da geht‘s so schön proletarisch zu.“
Wir bekamen da von den Amerikanern ein warmes
Mittagessen. [...]
Später arbeitete ich in dem Gebäude, wo jetzt die LVA
ist. Zuerst im Transportation Office. Die längste Zeit
vor meiner Auswanderung zuerst nach Kanada
und dann in die USA aber unter einem Captain
im Wohnungsamt. Dann wurden drei neue Bauten
erstellt. Eines als Offizierskasino, zwei für Zimmer
von Offizieren, die ohne Angehörige dienten. Neben
dem Wohnungsamt sorgte ich mit sechs Frauen für
Reinlichkeit und frische Betten. [...]

Der Fuldaer Polizeichef Rupperti stellte hierzu fest:

„Die Lebensmittelnot führt dazu, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung zur Befriedigung ihres Hungers gezwungen ist, Lebensmittel im Schwarzhandel zu erwerben, da die niedrigen Sätze der Lebensmittelkarten nicht ausreichen, um das Minimum eines Lebensstandards zu garantieren. Durch diese mangelnde Zuteilung von Lebensmitteln bedingt zeigt sich auch eine wachsende Kriminalität in Bezug auf den Diebstahl von Lebensmittelkarten, deren Zahl in erschreckendem Masse anwächst.“

Rupperti, Stimmungsbericht, 13.12.1946

Im Mai 1947 sah Landrat Stieler für die Region Fulda die schwerste Stunde nach dem Dreißigjährigen Krieg gekommen (vgl. Fuldaer Volkszeitung, 21.5.1947). Erst Mitte des Jahres 1948 verbesserte sich die Versorgungslage mit der Währungsreform erheblich. Die Lebensmittelmarken in Hessen verschwanden jedoch vollständig erst 1950 aus dem Alltagsleben der Bevölkerung.

Ehrungen

Im Laufe ihres Lebens erhielt Erna Hosemann aufgrund ihres sozialen, politischen und ehrenamtlichen Engagements zahlreiche Ehrungen:

  • 4. März 1965: Verdienstkreuz erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland
  • 21. Mai 1965: Ernennung zur Stadtältesten der Stadt Fulda
  • 14. September 1969: Ehrenzeichen der Arbeiterwohlfahrt Bezirk Hessen-Nord
  • 31. Dezember 1969: Goldenen Ehrennadel des AWO Hauptvorstandes
  • 21. Juni 1971: Goldene Ehrennadel der SPD
  • 21. Juni 1973: Ehrenbrief des Landes Hessen
  • 10. September 1973: Ernennung zur Ehrenvorsitzenden der AWO Fulda-Stadt und Fulda-Land
  • 19. Mai 1988: Benennung des Alten- und Pflegeheimes der AWO Bezirk Hessen-Nord in Fulda
  • 10. Juli 2021: „Blaue Bank“ – Würdigung von Erna Hosemann durch Soroptimist International (SI) Club Fulda

Erich Schmidt

Als Nachfolger von Dr. Franz Danzebrink ernannte die Militärregierung am 26. Juni 1945 den politisch unbelasteten Erich Schmidt (1.12.1882-22.8.1965) zum neuen Oberbürgermeister der Stadt Fulda. Dieser lehnte die Stelle aufgrund seiner fehlenden Erfahrung in der Kommunalverwaltung zunächst ab. Schmidt stammte aus dem schlesischen Ratibor und war seit 1923 Leiter der Dresdner Bank in Fulda. Während seiner einjährigen Amtszeit leitete er den Aufbau der zerstörten Stadt und baute auch ein gutes Verhältnis zur Militärregierung auf. Bei der Wahl 1946 kandidierte er nicht gegen Dr. Cuno Raabe, der ihm als Oberbürgermeister folgte.

Verwendete Quellen und Literatur:

  • Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ im Vonderau Museum Fulda (2021).
  • Fuldaer Volkszeitung, 1946.
  • Leihgaben von Joachim Zint
  • Sagan, Günter: Besatzungsjahre (1945-1949), in: Fuldaer Geschichtsverein (Hg.): Geschichte   der Stadt Fulda. Von der fürstlichen Residenz zum hessischen Sonderstatus, Bd. 2, Fulda 2008, S. 205-238.
  • Sagan, Günter: Die frühe Nachkriegszeit in der Region Fulda. Die Jahre 1945 und 1946, Petersberg 2015.
  • Schuster, Armin: Die Entnazifizierung in Hessen 1945-1954. Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit, Wiesbaden 1999.
  • Stasch, Gregor (Hg.): „Alles für Fulda!“: Aspekte der Kommunalpolitik 1946-2006, Petersberg 2006.
  • Stadtarchiv Fulda (6/477, 6/1160, IIIa 23-2)
  • Verse, Frank (Hg.): Als die Demokratie zurückkam. 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda. Begleitband zur Ausstellung, Fulda 2021.

Verteilung

Am Busbahnhof in der Nähe des Stadtschlosses wurden die Heimatvertriebenen mit LKWs in die umliegenden Dörfer verteilt. Martha Rathmann schildert, dass beim Verladen neben den Koffern auch große „Ballen“ von einzelnen Personen transportiert wurden. Diese Ballen seien das Allerwichtigste und Wertvollste gewesen: Es waren die Federbetten, welche die Flüchtlinge und Vertriebenen aus ihrer Heimat mitgebracht hatten.

Flüchtlingsdienststelle

Die nächste Station der Führung ist der Ehrenhof des Stadtschlosses als Sitz der Stadtverwaltung. Denn in der Nachkriegszeit wurde dort eine Flüchtlingsdienststelle zur Versorgung der Vertriebenen eingerichtet. Rathmann berichtet hier über die Wohnungs-, Arbeits- und Lebensmittelbeschaffung. Sie halte es für bemerkenswert, wie schnell die Heimatvertriebenen dennoch Fuß gefasst und sich integriert hätten.

Zur Person:

Margot Burschel (geb. Krug) wurde am 27. März 1924 in Frankfurt am Main geboren. Ihr Vater stammte gebürtig aus Fulda. In Frankfurt arbeitete sie als Fernschreiberin bei der Deutschen Reichsbahn. 1944 wurde das Haus der Familie durch Luftangriffe zerstört und Margot Burschel zog nach Fulda. Dort arbeitete sie zunächst in der Gebührenstelle der Ludendorff-Kaserne und daraufhin in der Baracke am Waldschlösschen, dem sogenannten Offizierskasino.

Ab Juni 1945 war sie im Hotel Lenz in der Leipziger Straße tätig und ab dem 4. Juli 1947 erhielt sie eine neue Anstellung am amerikanischen Lazarett im Herz-Jesu-Krankenhaus, wo sie mit US-Soldaten Versandpapiere für Medizin und medizinisches Gerät schrieb.

Nach der Auflösung des Lazaretts bestritt sie die „Comissary-Order-Section“ und war dort für die Aufnahme von Bestellungen amerikanischer Frauen für Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs aus Bad Hersfeld zuständig. Außerdem war sie im „Displaced Persons-Krankenhaus“ sowie im „Transportation Office“ tätig und anschließend im Wohnungsamt.

Bis 1955 arbeitete Margot Burschel in verschiedenen Positionen für die Amerikaner und wanderte anschließend zusammen mit ihrem Mann nach Kanada und in die USA aus. Im Juni 1963 kehrte sie nach Fulda zurück. Das Paar bekam zwei Töchter. Margot Burschel starb am 23. November 2021 im Alter von 97 Jahren in Fulda.

Kurzbiografien

Verwendete Literatur und Quellen:

  • AWO Kreisverband Festschrift: Erna Hosemann, S. 20-21.
  • Hosemann, Ilse: Anlässlich des 50. Jubiläums verfasste Ilse Hosemann Erinnerungen an ihre Schwiegermutter Erna Hosemann, 1996.
  • Mott, Michael: Fuldaer Köpfe, Band 2, Fulda 2011.
  • Mott, Michael: „Hosemann, Erna“, in: Fuldaer Geschichtsverein e.V. (Hg.): Fulda – Das Stadtlexikon, Fulda 2019, S. 226f.
  • Schüller, Elke: „Neue, andere Menschen, andere Frauen?“ Kommunalpolitikerinnen in Hessen 1945-1956. Frankfurt, 1995. S. 139-142.
  • Weber, Markus: „Blaue Bank“ – Würdigung von Erna Hosemann durch Soroptimist International Club Fulda. Fulda, 11.07.2021. URL: https://awo-fulda.de/2021/07/11/blaue-bank/ (Stand: 28.10.2021).

Dr. Cuno Raabe

1933 verbot Cuno Raabe (5.5.1888-3.5.1971) als Hagens Oberbürgermeister eine NS-Propaganda-Veranstaltung und protestiert gegen das Hissen der NS-Fahne auf dem Rathaus. Der Zentrumspolitiker kam in Schutzhaft, musste aber wieder entlassen werden. Bereits 1934 schließt er sich dem Widerstandskreis um Carl Goerdeler an und wird 1944 nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli inhaftiert und angeklagt. Seine Akte verbrennt: Raabe entgeht dem Todesurteil. 1945 gründet er die CDU in Hessen und ist als Vize-Präsident der Verfassungsberatenden Landesversammlung stark an der Ausarbeitung der ersten deutschen Verfassung nach der NS-Diktatur beteiligt. 1946 bis 1956 ist er Oberbürgermeister Fuldas. Am 1.12.1946 wird er in den Landtag gewählt.

Gedenktafeln der Patenstädte

Die letzten zwei Stationen führen in die Nähe des Fuldaer Doms unterhalb der Michaelskirche. Vor den beiden Gedenktafeln erzählt Rathmann den Teilnehmenden, wie die Städtepartnerschaften von Fulda mit Oberglogau und Leitmeritz entstanden sind und auch, wie die politische Situation in der Nachkriegszeit aussah.

Gerd Rupperti – Polizeichef und Gesellschaftsbeobachter

Im August 1945 wurde Gerd Rupperti (19.10.1914 – 5.2.2015) zum Fuldaer Stadtkommissar, im Februar 1946 zum Polizeikommandanten und 1952 zum Polizeidirektor ernannt. In dieser Funktion war er für den demokratischen Aufbau der kommunalen Polizei zuständig. Zwischen 1945 und 1948 verfasste er im Auftrag der US-Militärregierung wöchentlich einen „Stimmungsbericht“. Darin dokumentierte er die politische Entwicklung und die öffentliche Meinung der Fuldaer Bevölkerung. Als Polizeichef war Rupperti bis zu seinem Ruhestand für die Sicherheit und Ordnung der Stadt Fulda verantwortlich. 1980 erhielt er das Bundesverdienstkreuz.

Verwendete Quellen und Literatur:

  • Audio-Interview mit Adam Hitzel, 6. Februar 1979 (Stadtarchiv Fulda, NL 36 Nüchter / 133).
  • Fuldaer Volkszeitung, 1945-1946.
  • Fuldaer Zeitung, 8.3.1945.
  • Stadtarchiv Fulda: 6/474; Verwaltungsberichte der Stadt Fulda, 1946 und 1948
  • Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ im Vonderau Museum Fulda (15.7. – 24.10.2021).
  • Bund der Vertriebenen (Hg.): 1945-1985. 40 Jahre Vertreibung, 35 Jahre Eingliederung – Eine Dokumentation des Bundes der Vertriebenen, Fulda 1985.
  • Messerschmidt, Rolf: Aufnahme und Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge in Hessen 1945-1950. Zur Geschichte der hessischen Flüchtlingsverwaltung, Wiesbaden 1994.
  • Sagan, Günter / Stasch, Gregor (Hg.): Leitmeritz – Fulda: Vertreibung 1945/46. Publikation zur Sonderausstellung „Leitmeritz – 60 Jahre Vertreibung“ im Vonderau Museum in Fulda, Petersberg 2006.
  • Sagan, Günter: Besatzungsjahre (1945-1949), in: Fuldaer Geschichtsverein (Hg.): Geschichte der Stadt Fulda. Von der fürstlichen Residenz zum hessischen Sonderstatus, Bd. 2, Fulda 2008, S. 205-238.
  • Sagan, Günter: Die frühe Nachkriegszeit in der Region Fulda. Die Jahre 1947 bis 1949, Petersberg 2020.
  • Stasch, Gregor (Hg.): „Alles für Fulda!“: Aspekte der Kommunalpolitik 1946-2006, Petersberg 2006.
  • Stiftung „Vertriebene in Hessen“ (Hg.): Hessen und die Vertriebenen. Eine Bilanz von 1945 bis zur Gegenwart, Bonn 2010.
  • Verse, Frank (Hg.): Als die Demokratie zurückkam. 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda. Begleitband zur Ausstellung, Fulda 2021.

Inschrift (rechts):

„Der Toten der Stadt Oberglogau/Oberschlesien, der Gefallenen des Ersten und der Opfer des Zweiten Weltkrieges und der seit 1945 in der Vaterstadt bei der Vertreibung oder später an neuer Wohnstatt Verstorbenen gedenken in Verbundenheit und in Treue zur alten Heimat die zum siebten Male in der Patenstadt Fulda vereinten Oberglogauer. Pfingsten 1967. R.I.P.“

Inschrift (links):

„In treuer Verbundenheit zur angestammten Heimat im Elbtal und böhmischen Mittelgebirge gedenken wir aller Toten aus Stadt und Kreis Leitmeritz, der Gefallenen beider Weltkriege, aller Opfer von Krieg und Verbrechen, der Opfer der Vertreibung von 1945-1946, sowie aller fern der Heimat Verstorbenen. August 1997, 23. Bundestreffen in der Patenstadt Fulda. Heimatkreisverband Leitmeritz E.V.“

Erstaunlich sei, laut Rathmann, dass bereits kurz nach der Vertreibung die sogenannte „Charta der deutschen Heimatvertriebenen“ von 1950, eine Art Grundgesetz der Vertriebenen, entstanden sei.

Auszug aus der Charta der deutschen Heimatvertriebenen:

„1. Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung. […] 2. Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem wir die Völker ohne Furcht und Zwang leben können. 3. Wir werden durch harte, unermüdliche Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas.“

Quelle: Bund der Heimatvertriebenen. URL: https://www.bund-der-vertriebenen.de/charta (Stand: 03.12.2021).

Georg Stieler – Erster Landrat mit politischer Erfahrung

Von 1945 bis zu seinem Ruhestand 1953 amtierte Georg Stieler (22.10.1886 – 15.5.1955) als erster Landrat Fuldas nach dem Krieg. Zunächst setzte ihn die Militärregierung ein, ein Jahr später wählte ihn der Kreistag einstimmig. Der CDU-Politiker war auch Mitglied der Verfassungberatenden Landesversammlung und des ersten Hessischen Landtages. Dort führte er zeitweise den Fraktionsvorsitz seiner Partei. Nach dem Ersten Weltkrieg, an dem er vier Jahre als Soldat teilnahm, trat der katholische Gewerkschafter in die Zentrumspartei ein. Für sie saß er von 1919 bis 1932 im Preußischen Landtag. Von 1921 bis 1928 war er Polizeipräsident in Gelsenkirchen, anschließend Regierungspräsident in Aachen, bis ihn die Nationalsozialisten 1933 entlassen. Bis zum Ende des Krieges arbeitete er in der Industrie.

Städtisches Mahnmal für die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft

Die Gedenkplatte aus Schiefer, die sich an der Michaelskirche befindet, stellt die letzte Station der Führung dar. Diese wurde zum Gedenken der Opfer von Krieg und Gewalt errichtet und 1963 eingeweiht. An dieser Station gibt Martha Rathmann einen Einblick in die Reaktion der Kirchen, etwa anhand des Hirtenwortes aus dem Jahr 1946. Im Fokus habe für sie dabei die Frage gestanden, wie das Bistum Fulda darauf reagiert hat, dass es plötzlich doppelt so viele Katholiken im Bistum gab. Das Foto zeigt das Mahnmal für die Opfer des Krieges und der Gewaltherrschaft aus dem Jahr 1962 an der Michaelskirche von Ewald Mataré. Die Inschrift lautet: „Unseren Toten – 1914/18 – 1933 – 1939/45 – Die Bürger Fuldas".

Verwendete Quellen und Literatur:

  • Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ im Vonderau Museum Fulda (15.7. – 24.10.2021).
  • Fuldaer Volkszeitung, 1945-1947 (Stadtarchiv Fulda).
  • Michael, Mott: „Rupperti, Gerd“, in: Fuldaer Geschichtsverein e.V. (Hg.): Fulda – Das Stadtlexikon, Fulda 2019, S. 413-414.
  • Möller, Gerhard: „Stieler, Georg“, in: Fuldaer Geschichtsverein e.V. (Hg.): Fulda – Das Stadtlexikon, S. 474.
  • Politische Stimmungsberichte des früheren Polizeidirektors Gerd Rupperti vom 8.11.1945 bis 16.4.1948 Stimmungsberichte (Stadtarchiv Fulda, M 620).
  • Sagan, Günter: Besatzungsjahre (1945-1949), in: Fuldaer Geschichtsverein (Hg.): Geschichte der Stadt Fulda. Von der fürstlichen Residenz zum hessischen Sonderstatus, Bd. 2, Fulda 2008, S. 205-238.
  • Sagan, Günter: Die frühe Nachkriegszeit in der Region Fulda. Die Jahre 1947 bis 1949, Petersberg 2020.
  • Stasch, Gregor (Hg.): „Alles für Fulda!“: Aspekte der Kommunalpolitik 1946-2006, Petersberg 2006.
  • „Stieler, Georg“, in: Hessische Biografie <https://www.lagis-hessen.de/pnd/1109558198> (Stand: 7.3.2017).
  • Verse, Frank (Hg.): Als die Demokratie zurückkam. 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda. Begleitband zur Ausstellung, Fulda 2021.
  • Verwaltungsbericht der Stadt Fulda, 1947 (Stadtarchiv Fulda).

Entstehung der Führung und Fazit

Ihre eigene Biografie und ihr großes Interesse an historischen Ereignissen gab für Martha Rathmann den Anlass zur Erarbeitung der Führung. Aufgrund ihrer persönlichen Verbindung zum Thema habe sie angefangen, sich in die Literatur sowie in die Berichte von Heimatvertriebenen einzulesen. Für sie sei es sehr interessant gewesen, dass es diesen Menschen ähnlich erging und wie diese ihr Schicksal meisterten. Im ersten Lockdown der COVID-19-Pandemie im Frühjahr 2020 habe sie dann einen Plan zur weiteren Ausarbeitung entworfen, da sie das Thema nicht mehr losgelassen habe.

Die Führung habe für Martha Rathmann eine besondere Bedeutung, da sie auf diese Weise ihre eigene Geschichte aufarbeiten und ein Kapitel abschließen konnte. Zudem sei der Austausch mit anderen Heimatvertriebenen während den Führungen eine große Bereicherung: „Ich finde es gut, wenn persönliche Geschichten hinzukommen […]. Das macht es lebendig, so eine Führung.“ Abschließend berichtet sie, dass es ein gutes Gefühl gewesen sei, den Menschen Erinnerungen gegeben zu haben. Wichtig sei es, nicht zu vergessen.

Verwendete Quellen und Literatur:

  • Fuldaer Zeitung:
    • „Eine Tafel gegen das Vergessen“, 10.12.2016.
    • „Eine neue Heimat in der Barockstadt“, 29.09.2016
  • Heidenreich, Bernd / Sönke Neitzel (Hg.): Neubürger in Hessen. Ankunft und Integration der Heimatvertriebenen, Wiesbaden 2006.
  • Kuhn, Ekkehard: Flucht, Vertreibung, Integration. Über das Schicksal der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Norderstedt, 2016.
  • Magistrat der Stadt Fulda / Kreisausschuss des Landkreises Fulda (Hg.): Fulda nach dem 2. Weltkrieg, Fulda 2008.
  • Stiftung „Vertriebene in Hessen“ (Hg.): Hessen und die Vertriebenen. Eine Bilanz von 1945 bis zur Gegenwart, Bonn 2010.
  • Summa, Rudolf: Gefallenendenkmäler in Fulda, in: Staub, Alessandra Sorbello / Jäger, Berthold / Heiler, Thomas / Imhof, Michael (Hrsg.): Fulda in den Künsten. Festgabe für Gregor K. Stasch zum 65. Geburtstag, Fulda 2015, S. 217-234.

Zur Person:

Martha Rathmann wurde 1941 in der Nähe von Marienbad im Sudetenland geboren. 1945 erlebte sie im Alter von vier Jahren die Aussiedlung. Der Vater war im Zweiten Weltkrieg gefallen. Nach der Aussiedlung kam sie zunächst nach Oberbayern. Anschließend zog die Familie nach Franken zu einem Bruder der Mutter. In Würzburg besuchte Rathmann von 1955 bis 1958 die Maria-Ward-Schule, wo sie im Internat von den Englischen Fräulein unterrichtet wurde. Sie absolvierte eine Ausbildung als Industriekauffrau, arbeitete als Sekretärin bei zwei Verlagen in Würzburg und als Auslandskorrespondentin für einen Automobilhersteller. Von 1965 bis 1967 war sie in Äthiopien in der Entwicklungshilfe tätig. Nach ihrer Heirat zog sie 1977 nach Fulda. Ihr Geschichtsinteresse begleitete sie ihr ganzes Leben lang. Als Gästeführerin bietet sie heute unterschiedliche Themenführungen in Fulda an.

Wer an einer Führung mit Martha Rathmann interessiert ist, kann gerne den Kontakt aufnehmen per Email an martha.rathmann(at)web.de oder telefonisch unter 0661/402896.

Das Projekt dient der fortwährenden Dokumentation von Zeitzeugenaussagen. „Das Vonderau Museum möchte sich im Zuge der Neukonzeption noch stärker nach außen öffnen und den Bürgerinnen und Bürgern mehr Möglichkeiten zur Beteiligung geben“, erklärt Museumsleiter Dr. Frank Verse. „Die Zeitzeugengespräche, die in Zukunft auch zu anderen Themen geführt werden sollen, sind ein wichtiger Baustein in diesem Vorhaben. Damit können sich die Einwohner Fuldas und der Region selbst an der Geschichte beziehungsweise deren Überlieferung beteiligen.“

Bereits Ende Juni wandte sich das Vonderau Museum in einem ersten Aufruf vor allem an jene Bürgerinnen und Bürger, die als Kinder oder Jugendliche die unmittelbare Nachkriegszeit in Fulda erlebt haben. Viele fühlten sich angesprochen und waren bereit, ihre persönlichen Geschichten und Erinnerungen zu teilen. „Wir freuen uns sehr über die Resonanz“, sagt Museumsmitarbeiterin Katja Galinski, die das Zeitzeugenprojekt betreut. „Insgesamt haben sich 35 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus Stadt und Region Fulda gemeldet. Auch Söhne und Töchter sowie Enkelkinder, die mit ihren Eltern beziehungsweise Großeltern über jene Jahre gesprochen und dabei vieles aus der Nachkriegszeit in Fulda erfahren konnten, haben uns angerufen oder E-Mails geschrieben.“

Nach dem Erstkontakt befragte Katja Galinski die Zeitzeugen zunächst in telefonischen Vorgesprächen zum jeweiligen Thema oder Ereignis, über das sie gerne erzählen wollten, ging dabei zudem auf persönliche Interessen oder Bezüge zur Stadtgeschichte ein und fragte auch nach Erinnerungsstücken, Dokumenten und Fotos, die später als Exponate Eingang in die Ausstellung oder in die Sammlung finden könnten. Danach wurden die ersten Zeitzeugen ausgewählt, zu den Aufnahmen eingeladen und die Interviews vorbereitet. „Bei den Zeitzeugengesprächen haben wir mit dem Büro beier+wellach projekte zusammengearbeitet, das uns mit seiner langjährigen Erfahrung bei dem Projekt unterstützt.“

Impressionen aus der Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ © Vonderau Museum Fulda

Zur Person

Helmut Arnold wurde 1938 in Fulda geboren. Als Schüler besuchte er vier Schulen in Fulda, die Adolf-von-Dalberg-Schule, die Sturmiusschule, das Domgymnasium und die Schule am Neuenberg. Nach seiner Schulzeit hat er eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert und durchlief von 1958 bis 1966 die Grundausbildung beim Bundesgrenzschutz. Anschließend arbeitete er 40 Jahre lang am Versorgungsamt in Fulda.

1936 in Fulda geboren, wuchs sie im Elternhaus in der Maberzeller Straße auf. Ab 1951 absolvierte sie eine dreijährige Lehre zur Schneiderin und arbeitete anschließend als Verkäuferin in einem Fuldaer Sporthaus, bis sie im Alter von 24 Jahren die Ehe einging. Die heute 83-Jährige, die mit ihrem Mann in Fulda lebt und zwei erwachsene Kinder hat, sprach unter anderem über die Erlebnisse ihrer Erstkommunion im Jahr 1945.

Gern verweisen wir in diesem Zusammenhang auf die Video- und Tondokumente sowie Unterrichtsmaterialien zu Fulda im und nach dem Zweiten Weltkrieg, die auf der Website des Medienzentrums Fulda abrufbar sind.

Erste Drehtermine

„Bitte nicht stören – Dreharbeiten!“ war dann ab der vorletzten Septemberwoche auf zahlreichen Schildern an der Eingangstür und im Treppenhaus der Villa Schmitt nahe dem Fuldaer Paulustor zu lesen. Gedreht wurde in einem Raum im ersten Obergeschoss: Kamera und unterschiedliche Audio- und Videotechnik, Strahler, Stühle, ein Beistelltisch und ein schwarzes aufgespanntes Tuch als Hintergrund bildeten das Set. Ingo Rudloff, Psychologe und Filmemacher, und Francesca Belli vom Büro beier+wellach projekte, widmeten sich dort jeweils nach einem kurzen Vorgespräch intensiv und konzentriert ihren jeweiligen Gesprächspartnern, stellten Fragen und ließen die Zeitzeugen ihre Erinnerungen erzählen.

Einige Zeitzeugen hatten für die Aufnahmen Fotos und persönliche Dokumente mitgebracht. So zeigte Gertrud Rübsam, die als erste Teilnehmerin von „Fulda erzählt“ vor der Kamera Auskunft gab, auf ein Bild von ihrer Erstkommunion im Jahr 1945. Die 83-Jährige Fuldaerin hatte aus der Zeitung vom Zeitzeugenprojekt erfahren und sich beim Vonderau Museum gemeldet. „Denn ich habe etwas zu erzählen, was ich den Jugendlichen heute kundtun will: Wie die Zeit damals war.“ Eindrücklich schilderte Gertrud Rübsam Erfahrungen ihrer Kindheit, geprägt von Hunger, Not und beengten Wohnverhältnissen, und teilte ihre Erinnerungen an den Einmarsch der Amerikaner in Fulda: „Das war eine einzige Befreiung nach all den Bombennächten.“

Nächste Dreharbeiten mit weiteren Zeitzeugen sind für November geplant. Die bereits gefilmten Interviews werden nachbearbeitet. Ausschnitte daraus werden in die Ausstellung „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“ einfließen.

Nachdem das Wiesbadener Stadtschloss 1946 dessen Sitz geworden war, diente zunächst der Musiksaal als Plenarsaal des Parlaments, wurde jedoch bald zu klein. Anstelle der herzoglichen Reithalle wurde in den Jahren 1960-62 ein neues Plenargebäude errichtet. Dem damaligen Zeitgeist entsprechend stand die Funktionalität und weniger die Ästhetik des Gebäudes im Vordergrund. Diesem Anspruch war auch das eher schlichte Mobiliar verpflichtet.

 

Am 8. April 1945, acht Tage, nachdem die Amerikaner in Horas einmarschiert waren, feierten Jungen und Mädchen der Jahrgänge 1935 und 1936 das Fest ihrer ersten heiligen Kommunion – unter ihnen auch die damals Achtjährige. „Da war ich Erstkommunionkind“, sagt Gertrud Rübsam und zeigt dabei auf ein Foto, auf dem sie als Kind mit weißem Kleid, Kerze und Gotteslob zu sehen ist. Das Bild wurde allerdings, weil es die Verhältnisse zunächst nicht zuließen, erst nachträglich angefertigt – auf besonderen Wunsch ihrer Mutter.

„Wir hatten wenig zu essen, es gab Lebensmittelkarten“, berichtet sie von jener Zeit des Mangels und der Not. Einen Tag vor dem Weißen Sonntag sei ihr Vater noch mit dem Fahrrad nach Maberzell gefahren und habe von dort einen Eimer Milch mitgebracht, aus der dann das Mittagsmahl für das Fest zubereitet wurde.

Nachdem am Karfreitag 1945 die Brücke von der Maberzeller Straße nach Horas zerstört worden war, wurden kurz darauf behelfsmäßig dicke Holzbohlen über die Fulda gelegt, um die jeweils gegenüberliegende Uferseiten erreichen zu können. Über diese Verbindung gelangten auch das Kommunionkind und seine Familie am Weißen Sonntag nach Horas auf ihrem Weg in die Kirche St. Bonifatius.

Gertrud Rübsam möchte ihre Kindheitserfahrungen auch deshalb teilen, um Jugendlichen von heute einen Eindruck von den späten Kriegs- und frühen Nachkriegsjahren zu geben, in denen sie aufgewachsen ist. „Damals haben uns die Amerikaner von einem Trauma befreit“, erklärt sie. Denn endlich sei die Angst vor Bomben vorbei gewesen. Und natürlich kann sich die Fuldaer Zeitzeugin noch gut daran erinnern, wie sie und andere Kinder die amerikanischen Soldaten auf der Straße ständig nach Süßigkeiten gefragten. Nachdem das Schuljahr 1944 ausgefallen war, konnte sie ab 1945 endlich wieder die Volksschule in Horas besuchen und machte sich wie viele ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler in Holzpantoffeln auf den Weg dorthin. „Wenn ich mich erinnere, habe ich die Bilder alle noch vor mir“, sagt Gertrud Rübsam. Und es ist ein Gewinn für alle geschichtlich Interessierten, dass sie diese Erinnerungen im Rahmen des Zeitzeugenprojekts „Fulda erzählt“ mit anderen teilt.

Erinnerungsstücke als Exponate

„In Vorbereitung auf die Sonderausstellung suchen wir noch Gegenstände, Fotos oder Dokumente mit persönlichen Geschichten und Erinnerungen“, sagt Katja Galinski. Sie denkt dabei beispielsweise an Wahlplakate, Mitgliedsausweise oder Aushänge aus der Zeit der Demokratisierung, der Parteigründungen oder der ersten Wahlen 1945/46. Gesucht werden auch Fotos oder Objekte, die im Zusammenhang mit dem Amerika-Haus (1948-1953) in der Rabanusstraße oder dem amerikanischen Jugendheim German Youth Activities (1947-1953) in der Marienstraße in Verbindung stehen.

Alle, die ein Objekt als Leihgabe für die Ausstellung oder als Schenkung für die Sammlung zur Verfügung stellen möchten, werden gebeten, sich mit Museumsmitarbeiterin Katja Galinski in Verbindung zu setzen.

Nachdem er zuvor Jahrzehnte Mitglied des Fuldaer Kreistages und kurzzeitig auch Mitglied des Bundestages gewesen war, verbrachte an einem solchen Tisch der Fuldaer Unionspolitiker Dr. Norbert Herr seit dem 5. April 1995 viele Jahre seiner Zeit als Mitglied des Hessischen Landtags. Diesem gehörte er bis 2013, davon neun Jahre als stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion, an und gestaltete so über mehrere Amtsperioden hinweg – stets als Stimme und Sprachrohr Fuldas – maßgeblich die Politik des Landes Hessen und somit der gesamtdeutschen Demokratie mit.

Adolf-von-Dalberg-Schule (nach Kriegsende „Stadtschule 1“ bis 26.08.1946)

Der Klassenraum war an der Stelle, wo sich heute der Eingangsbereich des Vonderau Museums befindet. Es war ein großer Raum, in dessen Mitte sich ein eiserner Ofen befand. Die Kinder sollten Kohle und Briketts von zu Hause mitbringen. Der Ofen wurde manchmal so befeuert, dass das Rohr rot glühte. Es gab aber auch Tage, an denen nicht genügend Holz da war, dann wurde es sehr kalt im Klassenraum. In der Klasse waren ungefähr 60 Jungen, die vom „Lehrer Utzko“ unterrichtet wurden. Nebenan gab es einen etwa gleich großen Raum, in dem die Mädchen von „Fräulein Mai“ unterrichtet wurden.

Jeden Morgen gab es das gleiche Ritual: Der Lehrer kam morgens herein, schlug das Klassenbuch auf und ging die Namen in alphabetischer Reihenfolge durch. Jeder, der aufgerufen wurde, musste „hier“ rufen, fehlte jemand, war es Aufgabe des Lehrers herauszufinden, wo er blieb. In dem Klassenraum standen lange Tische mit Bänken. Sollte ein Schüler nach vorne an die Tafel gehen, so musste er über die anderen herübersteigen. Auf einer Schulbank saßen fünf bis sechs Kinder nebeneinander. Der Schulhof war der Innenhof des Gebäudes, der heutige Museumshof.

Herr, geb. 1944, absolvierte sein Abitur am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium in Fulda, studierte anschließend Geschichte, Politik und Geografie in Frankfurt am Main, promovierte und war später als Oberstudienrat tätig. Seine politische Karriere begann im Jahr 1971 mit dem Eintritt in die Junge Union.

Nicht gleich 1946, sondern nach ungefähr einem halben Jahr gab es die Schulspeisung (Hintergrund: Die Schulspeisung setzte im Mai 1947 in der Stadt und im Landkreis Fulda ein. Im Durchschnitt nahmen daran rund 1200 Kinder teil. Im März 1948 nur noch 700 Kinder). Dafür mussten alle Schüler einen Topf und Besteck mitbringen, die außen am Schulranzen befestigt wurden und auf dem Schulweg immer laut klapperte. In jeder großen Pause gegen 10 Uhr – die Schüler haben in „Reih und Glied“ auf dem Schulhof gewartet – verteilten einige Frauen das Essen. Aus großen Töpfen wurde mit der Kelle Suppe geschöpft. Es gab Erbsensuppe, Linsensuppe, also immer braune oder graue Suppen, die überhaupt nicht schmeckten. Manchmal gab es anstatt der Suppe eine Tafel Schokolade, die natürlich etwas ganz Besonderes war. Einmal wurde nur eine Tube verteilt, die auf Englisch beschriftet war – es kam schließlich alles aus den amerikanischen Beständen und wurde gespendet – jedoch konnte niemand Englisch und somit auch nicht übersetzen. Es gab auch keine Erklärung durch die Frauen, die das Essen verteilten. Der Inhalt der Tube schmeckte überhaupt nicht, aber manche Kinder aßen sie komplett auf. Später stellte sich heraus, dass es Zahnpasta war.

Am 16. Dezember 2004 saß Herr letztmalig an seinem Platz im Saal des alten Plenargebäudes. Als technisch veraltet und nicht mehr zeitgemäß wurde es Ende 2004/Anfang 2005 abgerissen und das jetzige Plenargebäude mit dem neuen, 2008 eingeweihten Plenarsaal erbaut.

Mehr über die Entwicklung der politisch-demokratischen Grundordnung Hessens und Fuldas erfahren Sie in der aktuellen Sonderausstellung des Vonderau Museums „Als die Demokratie zurückkam – 75 Jahre Verfassung in Hessen und Fulda“. Die kostenfreie Ausstellung läuft noch bis zum 9. Januar 2021.

Nach zwei Schuljahren hieß es dann: „Es gibt eine Sturmiusschule, wir, die Schüler, die im Südend wohnten, kommen dorthin.“ Das Schulgebäude war barackenähnlich, länglich und stand genau gegenüber der Sturmiuskirche auf der anderen Straßenseite. Zuvor hatte man in den Baracken Kriegsgefangene untergebracht, die in den Betrieben in der Umgebung gearbeitet haben. Nach den Herbstferien sollte der Unterricht in der neuen Schule beginnen. In den Ferien gab es allerdings ein heftiges Gewitter, bei dem die neue Schule von einem Blitz getroffen wurde und abbrannte. Herr Arnold rannte mit seinen Freunden in die Richtung der Schule und beobachtete von der Edelzeller Brücke aus den Brand. Von dem Schulgebäude ist nichts übriggeblieben, weshalb es zusätzlich zu den regulären Ferien noch vier weitere Wochen Ferien gab, zur Freude der Schüler. Im Herbst 1947 fand schließlich die Versetzung in die dritte Klasse statt.

Die Sturmiusschule wurde in einer anderen Baracke eingerichtet, die sich auf dem Gelände der Firma Gies (Wachsfabrik) befand. Das Gelände war mit einer Mauer umgeben und durch das Eingangstor hindurch gelangte man zur Schule. Wenn die Schüler nach der Pause in das Gebäude hineinstürmten, hat aufgrund des Holzbodens alles gewackelt und geschaukelt. An der Sturmiusschule gab es weiterhin die Schulspeisung und die Klassen waren mit einer Größe von 30 Schülern viel kleiner. Zudem hatte man immer unterschiedliche Lehrer, also es gab nicht mehr einen einzigen Klassenlehrer. So gab es auch in jedem Fach einen anderen Lehrer, beziehungsweise Lehrerin. Es waren viele Lehrerinnen da, weil die Männer gefallen oder krank waren.

Ein besonderes Schuljahr

„Im dritten Schuljahr habe ich drei Halbjahreszeugnisse bekommen“. Da der Schuljahresbeginn allgemein von Herbst auf Frühling verlegt und das Schuljahr 1947/48 um ein Halbjahr verlängert wurde, erhielten die Schüler aller Klassen drei Halbjahreszeugnisse. Über das zusätzliche Halbjahr war Herr Arnold als Schüler nicht besonders glücklich: „Man wurde ein Stück zurückgeworfen und wir waren durch die späte Einschulung sowieso schon alte Schüler. Dieses Schuljahr war unendlich lang und nahm kein Ende“. In dieser Zeit wurden viele Ausflüge gemacht und die Klassen waren viel draußen unterwegs, es gab schließlich keinen Unterrichtsstoff mehr.

Weiterführenden Schulen

Das Domgymnasium besuchte Herr Arnold im 5. und 6. Schuljahr und nach dem Umzug seiner Eltern die Bardoschule im Stadtteil Neuenberg bis zum Ende seiner Schulzeit nach dem 8. Schuljahr.